Ordiniert wieder: René Pape als Dr. Gurnemanz. - © Pöhn/Staatsoer
Ordiniert wieder: René Pape als Dr. Gurnemanz. - © Pöhn/Staatsoer

Wer büßen will, der hat in der Karzeit auch an der Wiener Staatsoper dazu Gelegenheit. Richard Wagners "Parsifal", alljährlich am Gründonnerstag zu hören, steckt seit 2017 in der peinvollen Regie von Alvis Hermanis. Die schwelgt zwar im Dekor, fastet aber bei der Logik: Warum die Gralsritter im Otto-Wagner-Spital darben und die Heilige Lanze durch eine Riesenstricknadel ersetzt wurde - es sind nur zwei Mysterien dieses Bühne gewordenen Hirngespinsts.

Immerhin: Die Spitalskulissen helfen derzeit ein zusätzliches Übel zu erdulden, nämlich Langeweile. Wartezeiten sind in der Ambulanz normal, und sie stellen sich auch beim Operndebüt von Valery Gergiev am Haus ein. Der Russe dirigiert den ersten Akt dermaßen blass an den Bühnenbedürfnissen vorbei, als wäre er nicht seit 23 Jahren Intendant des St. Petersburger Mariinski-Theaters. Mögen die "Wehe!"-Rufe des Amfortas (Thomas Johannes Mayer) noch so grell scheppern: Das Orchester leiert, als würde es den zehnten Rosenkranz in Folge beten. Es grenzt an ein Osterwunder, dass Gergiev danach in die Gänge kommt, das Geschehen nicht nur aufpeitscht, sondern sogar Phrasen modelliert. Tempowechsel, Lautstärkeverläufe: Nun gibt es sie, leicht ausgedünnt auch im Schlussakt.

Auch die Sängerbilanz liest sich zwiespältig. Der Klang von Simon O’Neill (Parsifal) besitzt vor allem die Wucht eines Vorschlaghammers; Boaz Daniel gestaltet den Gegner Klingsor solide, doch ohne die nötige Schurkenschwärze, Mayer erweist sich als Garant für Drastik. Vorzüglich dagegen Elena Zhidkova (Kundry): Eine geradlinige Tongebung leistet im Kern ihres schattigen Timbres packende Dienste. Mann des Abends ist René Pape: ein Gurnemanz von noblem, textdeutlichem Volumen und (fast) endlosen Kräften, am Ende mit Ovationen gesegnet.