Robert Wilson bebilderte Verdis "Otello" in Baden-Baden. - © Lucie Jansch
Robert Wilson bebilderte Verdis "Otello" in Baden-Baden. - © Lucie Jansch

Dass das Festspielhaus Baden-Baden vor allem zu Ostern direkt mit Salzburg zu konkurrieren versucht, liegt auf der Hand. Spätestens seit sich die Berliner Philharmoniker von der Salzach ins Badische abwerben ließen, wo sich ein Luxussegment zahlungskräftiger Zuschauer aus dem In- und Ausland gerne ein Stelldichein gibt.

Wenn Daniele Gatti, aus welchen Gründen auch immer, als Dirigent abhanden kommt, dann steht hier ein dem Orchester seit Jahren verbundener Altmeister wie Zubin Mehta (82) bereit, bei Verdis "Otello" einzuspringen. Alles kein Problem, denn für die Bühne lieferte diesmal der Texaner Robert Wilson die Maßkonfektion. Der hat seine Licht-, Schreit- und Bild-Ästhetik längst so perfektioniert, dass deren Vorhersehbarkeit kaum Überraschungen zulässt. Man könnte meinen, für Baden-Baden sei das eh kein Problem, denn hier muss das, was auf die Bühne kommt, vor allem zu der Rose, die es am Ausgang für die Damen gibt, passen. Ein Rose, ist eine Rose, ist eine Rose . . .

Ein Elefantenohr wackelt

Und doch gibt es bei Wilson einen Überraschungseffekt. Gleich zu Beginn, als stummes Vorspiel. Ein riesiger Elefant, erst als Projektion und dann auf der Bühne. Müde, am Boden wackelt er mit seinem Elefantenohr und blinzelt uns zu. Zusammen mit den Windgeräuschen ist das eine Installation, die auf die Sturmmusik einstimmt, die Mehta im Graben des Festspielhauses maßvoll kalkuliert entfesselt. Der gestürzte Koloss ein Verweis auf den vor allem über sich selbst stürzenden Titelhelden? Kann sein. Muss aber nicht. Mit den offen zu sehenden Scheinwerferbatterien und den stilisierten Blitzen hat Wilson sein Überraschungspulver dann aber schon wieder verschossen.

Bei den Bildern, die folgen, wird nicht mehr gewackelt oder geblinzelt, sondern vor allem das Sänger-Standbild zelebriert. Oder geschritten. Mal die Arme gehoben und gespreizt oder der Oberkörper geknickt. Dem in Konzertformation aufmarschierten Wiener Philharmonia Chor ist eine kleine Dosis Arme hoch oder einigen auch ein Drehen auf der Stelle gestattet. Trotzdem hat diese Eingangsszene etwas von musikalischem Durchstarten bei szenischer Vollbremsung.

Die Seele - ein Balken

Wilson also ganz bei sich. Mit seinen typischen Rothko-Horizonten in einem Universum aus Schwarz-Blau. Zu den Farbspielen werden Arkadenelemente hinzugefügt, die irgendwann einen Raum assoziieren. Am Ende entschwebt ein weißer Balken über der toten Desdemona. Fährt da ihre Seele gen Himmel? Alles wilson-like. Wie immer. Aber ein "Otello"-Gesamtkunstwerk? Eher schon ein exquisiter Hintergrund für Verdis Spätwerk über lodernde Leidenschaft und abgrundtiefe Bosheit. Die beide blind machen. Er hat sie erwürgt, ohne sie zu berühren, zückt dann aber für sich selbst einen Dolch und sticht zu. Hm.

Gesungen wird auf Festspielniveau, an der Rampe ins Publikum. Jago, Rodrigo und Cassio in Rüstung. Otello mit Umhang, auch er mit weißem Gesicht. Keine Gefahr von Blackfacingdebatte. Die Desdemona in weißem Kleid spukt wie eine Lady Macbeth durchs Bild.

Stuart Skelton und Sonya Yoncheva haben diese Partien drauf. Er mit strahlenden Tönen, die nur in den Piani holpern. Sie mit ziemlicher Entschiedenheit und beim Lied von der Weide ganz bei sich. Vladimir Stoyanov als teuflisch
grimassierender Jago-Schattenriss fehlt ein Fünkchen vokaler Finsternis zur sonst tadellosen Noblesse. Die Berliner Philharmoniker klingen unter der altersweisen Leitung von Zubin Mehta sowohl sinnlich und edel als auch dramatisch packend. Sie können aber die eisgekühlt erstarrte Optik dennoch nicht völlig kompensieren.