Wien. "Oper ist mein Lebenselixier", sagt Jutta Stehmann. Die gebürtige Wienerin trinkt reichlich davon. Mehr als 50 Mal beehrt sie die Staatsoper im Jahr. Dafür muss sie nicht tief in die Tasche greifen: Stehmann ist Stehplatz-Geherin, sie zählt sich zum "harten Block" auf dem Balkon. "Wir kennen uns alle", sagt die Connaisseurin, die trotz der Schnäppchenpreise gern in elegante Garderobe schlüpft.

Dieses Glück droht getrübt zu werden. Die Staatsoper zieht ihre Stehplatzpreise in der nächsten Saison kräftig an. Was bisher - je nach Lage - drei oder vier Euro kostete, schlägt dann mit zehn Euro zu Buche. Auch die Stehplatzberechtigungskarte (SPBK) wird abgeschafft: Dieses Papier, limitiert auf 350 Stück, galt als "Wiens begehrtestes Theater-Abo", jedenfalls unter standfesten Fans: Es garantiert einen Platz für jede Aufführung der eigenen Wahl. Ein Privileg, das auch Stehmann genießt. Nun fürchtet sie: "Die Einheimischen werden vergrault, die Selfie-Touristen sollen mehr zahlen."

Beruhigt: kaufmännischer Leiter Thomas Platzer. - © Staatsoper/Pöhn
Beruhigt: kaufmännischer Leiter Thomas Platzer. - © Staatsoper/Pöhn

Billig erstanden

"Unsinn", sagt Thomas Platzer, seit 1999 kaufmännischer Direktor des Hauses. Schon damals hat er die Berechtigungskarte eingeführt, und sie ähnelt tatsächlich einem Abonnement: Um 70 Euro zu erstehen, kostet eine Saisonverlängerung lediglich 50. Dafür verschafft sie ihrem Besitzer einen erheblichen Vorsprung, kann er damit doch Stehplatztickets im Vorverkauf erwerben - frühestens zwei Monate voraus, spätestens bis Mittag des gewünschten Datums. Der reguläre Verkauf startet erst 80 Minuten vor Beginn.

Warum nun die Preisumbrüche im sitzlosen Sektor? Platzer - er musste jüngst einem ganzen Kundentross Rede und Antwort stehen - holt aus. Die Verteuerung sei ein Wunsch des Eigentümers gewesen (also der Bundestheater-Holding), und sie brachte das Haus in eine "Bredouille" - hatte die Direktion doch gelobt, dieses Segment bis 2020 nicht anzurühren.

Nun ist ein Kompromiss geschmiedet worden und soll den Stehplatz vom Aufstand abhalten. Laut Platzer brauchen die Stammgäste weiter keinen Heller mehr für den aufrechten Opernkonsum zu zahlen. Sie müssten sich nur eine Bundestheater-Card besorgen. Bereits vor Jahren eingeführt, gewährte sie bisher kleine Vorzüge. In Zukunft verschont sie ihre Besitzer vor der Stehplatzteuerung. Und: Mit dieser Karte lässt sich ein Stehplatzticket künftig schon zwei Monate vorab erwerben. Vorteil gegenüber der SPBK: Die Bundestheater-Card ist kostenlos.

Keine Garantie mehr

Die Medaille hat aber auch eine Kehrseite, und Platzer verhehlt sie nicht: Den garantierten Stehplatz gibt es nicht mehr. Eine Bundestheater-Card kann sich jeder besorgen, die Staatsoper aber hat exakt 567 Stehplätze - keinen mehr. Hätte man nicht doch beim alten Modell bleiben können? Nein, sagt Platzer: Es gebe nämlich mehr Einheimische mit Stehplatzfaible als Besitzer einer SPBK. Das neue System bedeutet freilich den Todesstoß für das alte. Warum? Liefen beide zugleich, kämen nur 70 Stehplätze für die Theater-Card-Besitzer in den Vorverkauf. 350 müssten nämlich für die SPBK-Fraktion blockiert werden, außerdem Plätze für Rollstühle und Kameras. "Dann würde ich gekreuzigt", sagt Platzer.

Bedenken, dass die stehfreudigen Wiener künftig um ihre Karte umfallen, hat er nicht: Man müsste sich nur frühzeitig darum kümmern. Dabei könnten die neuen Billigtickets nicht dem Schwarzmarkt in die Hände fallen, da sie personalisiert wären. Generell bedauert Platzer die Preiserhöhung: Es sei eine Aktion, "die sich gegen niemanden bewusst richtet". Sie könnte aber vielleicht auch einen positiven Nebeneffekt haben: Wer sich nur das Opernhaus ansehen - und darin fotografieren - will, war mit einem regulären Stehplatzticket bisher billiger dran als mit einer Führung. Auch das ist ab Herbst Geschichte.