Amanda Piña ist zu einer Hauptakteurin der Tanzszene in Wien geworden. Sie wurde in Chile während der Militärdiktatur in einer mexikanisch-chilenisch-libanesischen Familie geboren und suchte dort nach Möglichkeiten, ihr künstlerisches Potenzial zu entwickeln. Sie beschäftigt sich mit der Entkolonialisierung von Kunst, wobei sie sich auf die politische und soziale Kraft der Bewegung konzentriert. Ihr jüngstes Projekt, "The School of the Jaguar", bestehend aus Lesung, Workshop und Performance, startet am 25. April im Tanzquartier Wien. Es ist der dritte Teil des seit 2014 laufenden Projekts "Endangered Human Movements", in dem sich Piña mit Bewegungspraktiken auseinandersetzt, die in der ganzen Welt kultiviert werden.

"Wiener Zeitung": Wie sind Sie nach Wien gekommen?

Amanda Piña: Das war reiner Zufall. Ich war Theaterstudentin in Chile, Barcelona und Mexiko. Ich war auf der Suche nach einer Ausdrucksform, die weder Sprechtheater noch der kanonische Tanz ist. Ich habe nicht viele Beispiele in diese Richtung gehabt. Als ich 18, 19 Jahre alt war, war in Chile die Demokratie noch recht jung und die kulturelle Lage erodiert. Künstler tendieren in die politische Linke, und viele waren geflohen oder gestorben. Es war nicht sehr spannend damals, wenn man etwas probieren wollte. Ich studierte auch Anthropologie, aber ich konnte nicht so lange sitzen - da merkte ich, dass ich eigentlich eine Tänzerin bin. Dann gab es eine Audition für das SEAD in Salzburg, und ich wurde genommen.

Amanda Piña möchte indigene Bilderwelten aufleben lassen. - © T. Rauter
Amanda Piña möchte indigene Bilderwelten aufleben lassen. - © T. Rauter

Wie gelang Ihnen der Sprung von der Studentin zur Performerin und Tanzschaffenden?

Eine Künstlerin und Lehrerin, Claudia Heu, wollte, dass ich mit ihr an einem Projekt arbeite, das bei Impulstanz gezeigt wurde. Ich war damals an einem Samstag am Naschmarkt und ich hatte das Gefühl, dass ich hier, in Wien, leben werde. Es war komisch - vielleicht Bestimmung. Wien war und ist ein Ort, an dem ich mich als Künstlerin entwickeln kann.

Auch bezüglich Unterstützungen, Förderungen?

Das klappt ganz okay für eine Szene, die überall in einer prekären Situation ist. Die Belgier und Franzosen haben ein gutes System, für das sie sehr lange gekämpft haben. Die Künstler sind selbständig, und wenn sie nicht arbeiten, dann bekommen sie eine Art Arbeitslosenunterstützung. Ich möchte aber nicht weg, ich fühle mich hier verbunden.

Ist Ihr Studium der Anthropologie die Basis für die Auswahl der außergewöhnlichen Themen Ihrer Stücke?

Vielleicht. Mich hat immer das Thema der Inklusion und Exklusion interessiert. Warum lernen wir eine Geschichte in der Schule, etwa die Geschichte des Tanzes, die anscheinend universell ist? Aber das ist sie nicht. Denn es ist die Geschichte einer Art Kultur, und es gibt viele andere Formen dieser Geschichte, von denen man nichts hört. Kolonisierung hat mit Auslöschung zu tun, und es ging viel an kultureller Vielfalt verloren. In diesem Sinne finde ich es wichtig, andere Formen des Wissens, der Existenz wieder zur Diskussion zu stellen. Heute ist ein Paradigmenwechsel unumgänglich, vielleicht sind Inputs da von Vorteil.

Wie wählen Sie Ihre Performance-Themen aus?

Das Projekt "Endangered Human Movements" macht es mir da schon leichter, "The School of the Jaguar" ist ein Teil davon. Es ist eine Studie zur amerindianischen Ikonografie und ist tief mit meiner Biografie verbunden: Als Kind war ich in einem Museum in Mexiko, in dem diese unfassbaren Figuren gezeigt werden, die halb Tier, halb Mensch, halb Pflanze sind. Jetzt werden andere Arten der Leseweise dieser Bilderwelt entwickelt, und diesen Überlegungen hab ich mich angeschlossen.

Es ist nicht nur eine Performance, sondern eine Reihe von Veranstaltungen.

Ja, ich habe versucht, Artwork (künstlerische Arbeit) in Artwords (künstlerische Worte) umzusetzen. Ich möchte die Grenzen eines Tanzstücks überschreiten, das man sich nur ansieht und nachher wieder nach Hause geht. Das soll sich mit Lectures und Workshops mischen, wie auch die Grenzen zwischen Menschen, Tieren, Pflanzen und Land verschwimmen. Ein sehr brisantes Thema rund um die Entwicklung neuer Beziehungen, die für nichts und niemanden ausbeuterisch sein sollen.