Wien. Am 26. September 2018 ist der Schauspieler Ignaz Kirchner gestorben. Genau sieben Monate später hat ihm das Burgtheater und vor allem sein Kollege Joachim Meyerhoff am Freitag eine fulminante Grabrede gehalten. "Land in Sicht" heißt der Abend im Akademietheater und der Titel hat ganz und gar überhaupt keine Bedeutung. Sagt Meyerhoff. Aber dem darf man nicht immer alles glauben. Das wissen all jene, die ihm schon bei den szenischen Lesungen seiner autobiographischen Bücher auf den Leim gegangen sind. Was man ihm aber glauben kann: Dass das Projekt auf einer sehr persönlichen Sammlung Kirchners beruht. Der Schauspieler führte seit Jahrzehnten eine besondere Art von Tagebuch.

Er klebte Zeitungssausschnitte, Fotos, Briefe, Erinnerungen in Notizbücher, 280 solche Schätze hat er hinterlassen. Doch bevor Joachim Meyerhoff sich diesen Büchern widmet, erzählt er. Er erzählt, wie er mit Kirchner zwei Vorstellungen täglich "Robinson Crusoe" gespielt hat und vor Erschöpfung jeden zweiten Tag im Lorenz-Böhler-Krankenhaus mit irgendeiner Verletzung gelandet ist. Jeden Morgen danach rief ihn der Kollege an und fragte, wie es ihm gehe.

Auf der Hinterbühne liegt im Eck ein Sarg und Fabian Krüger und Mirco Kreibich machen als Bühnenarbeiter Blödsinn - das hätte Kirchner gefallen, der ein großer Freund des Clownesken war. Meyerhoff zitiert Kirchner, der über billige Bühnenbilder gesagt hat: "Wie soll man Zorn auf Laminat spielen!" Er erzählt schließlich von Projekten, die er  für sich und Kirchner schreiben wollte. Die Bühnenbilder dazu werden als Modelle gezeigt, in die ein Mann, der laut Meyerhoff ausgewählt wurde, weil er gut von hinten aussieht, die Kamera hält. In allen ist ein Figürchen, am weißen Hut gleich als Ignaz Kirchner zu erkennen.

Urnenfriedhofsbesuch im Urlaubsfiebertraum

Allein die paar Minuten, in denen Meyerhoff über seine Stückidee zu einem Marmorsteinbruch-Unternehmer im Südtiroler Laas spricht, diese weiße "Kathedrale" aus Stein im Berg beschreibt, stellt seine einzigartige Fabulierungswucht unter Beweis. In einer Art Urlaubsfiebertraum erfindet er nach einem metaphysischen Urnenfriedhofsbesuch in Italien ein weiteres Stück über einen Radfahrer - die interessierten Kirchner genauso wie Tennisspieler - namens "die Kaper". Ein Rennen wird auf der Bühne mit festgestellten Rädern inszeniert, ihr Surren erinnert an Grillengezirpe.

Alle diese Projekte haben eins gemeinsam: sie wurden nichts, weil Zeit verging, Chancen verstrichen. Das kommt sehr anrührend heraus an diesem Abend: Dass man die Anwesenheit von Menschen, die man wertschätzt, bewundert und vielleicht auch liebt, nicht für selbstverständlich nehmen darf und dass Hinausschieben dann oft doch ein Aufheben ist.

Kuriose Tierliebe und gräßliche Folterfotos

Nach der Pause lässt Meyerhoff fast nur die Bücher sprechen, er blättert vor einer Kamera, die das Publikum mitlesen lässt, wie Kirchner tolle Zeitungsausschnitte von kurioser Tierliebe kombiniert, gräßliche Folterfotos ganz selbstverständlich dazwischen klebt, so wie Rechnungen vom Wirten, freche Briefe von Claus Peymann, Polaroids von sich selbst ("Jaja, mein Schweinegesicht, das ist mein Kapital") und ganz viele Damen in Unterwäsche. Diese Bücher sind zeitgeschichtliche Dokumente, Theaterarchiv und Beleg dafür, dass Bildtexte in Zeitungen früher sehr viel lustiger waren. Man könnte Meyerhoff noch Stunden beim Durchblättern zusehen, allein, ihm werden die Bücher von Krüger und Kreibich (beide im Kostüm willkürlich aus den Büchern ausgewählter Protagonisten, einmal ein Behinderter mit Sturzhelm und einmal Filmregisseur John Waters) noch während der Lektüre weggeräumt.

Auch das letzte, in dem nur mehr ein Foto von Robert Walser klebt und ein Text steht, der beginnt mit "Wie rasch vergeht doch alles, was vergeht". Die restlichen Seiten sind leer, Kirchner konnte sie nicht mehr mit Leben befüllen. Auch dieses Buch wird Meyerhoff abgenommen, alle werden sie an der Bühnenhinterwand in teilweise schwindelnder Höhe aufgestellt und leuchten am Ende wie die Grablichter am itaienischen Urnenfriedhof. Es ist einer der bewegenden Momente an diesem Abend, der aber vor allem eines schafft: Mit viel Humor und Respekt einen Mann, der das Theater liebte, einen großen Schauspieler als Menschen zu würdigen. Und weil Meyerhoff nicht müde wird, vom Schalk in den Augen des Ignaz Kirchner zu erzählen, wenn er jemanden pflanzte, würde ihm wahrscheinlich auch das Schlussbild gefallen: ein aus allen Requisiten inklusive Sarg gebautes "ENDE", von dem fröhlich ein BH baumelt.