Eines empfiehlt sich bei Herbert Fritschs neuem Stück für den Zuseher: Handy abdrehen. Denn wenn es unversehens läutet, kann das wirklich peinlich werden. Zumindest der erste Teil ist nämlich sehr lautlos, abgesehen von Wischgeräuschen, Auswringquietschen und vereinzeltem Gummihandschuhschnalzen. Eine Putzkolonne geht auf der Bühne des Burgtheaters zu Werke. Mit ihrer grünen Arbeitskluft und den roten Kopfbedeckungen hebt sie sich knallig ab vom Bühnenhintergrund, der in sattem Lila leuchtet. Herbert Fritsch, für seine grimassenziehende, exaltierte Figurenzeichnung bekannt, lässt in dieser Ouvertüre seines neuen Stücks "Zelt" das Schauspielerensemble überraschend zurückgenommen eine Besen-Choreografie durchführen, die nur hochschreckt, wenn die Kübel Stomp-mäßig synchron auf den Boden gedroschen werden. Outriert wird nur kurz, wenn einer aus dem Kollektiv heraustritt und in Countertenorlage aus Hofmannsthals "Elektra" deklamiert: "Der ist selig, der seine Tat zu tun kommt."

Putz-Prozession

In einer Prozession mit hochgereckten Besen und Putzfetzen, die an Protestschilder genauso erinnern wie an Fronleichnamshimmel, tritt die Kolonne ab. Und dann kann es losgehen mit den von Fritsch erwarteten Spiel-Eskapaden. Hermann Scheidleder versucht sich mit Geduld und Anti-Bück-Greifzange am Bau des titelgebenden Zelts. Als es endlich steht, spuckt das Zelt andere Zelte aus. Und Männer in Trachtenanzügen. Und Frauen in schrillen Dirndln. Alle sind sie wie tote Clowns geschminkt. In einer Slapstick-Anordnung, die das Kunststück schafft, so ausgeflippt wie exakt zu sein, wird die Einzel-Zeltaufbau-Performance in Potenz wiederholt. Vor allem das Staberl, das das Rückgrat des Zelts sein soll, und immer wieder in sich zusammenbricht, macht Schwierigkeiten. Wenn es einmal hält, wird vor Stolz damit gewedelt, wie es Charlie Chaplin mit seinem Stock gemacht hat. Das Gestenrepertoire der alten Humorgarde ist ohnehin gut vertreten in der so körperlichen Komik des Ensembles, bis hin zum Stan-Laurel-Kopfkratzen. Zum Kopfkratzen mag mancher finden, dass, sobald die Zelte stehen, ein Musikantenstadl auf LSD ausbricht: Links schrummen sich die Gitarren einen Wolf, rechts wimmern die Akkordeons, die Petticoats wippen im immer gleichem Rhythmus, mancher verliert beim Headbangen seinen Klebemoustache - über 15 Minuten lang. Da testet Fritsch die Grenzen seines Publikums gewagt aus - aber man hat auch Zeit, zu versuchen in der total demokratisierten Schauspielerriege unter der Fratzenschminke bekannte Gesichter zu identifizieren wie Petra Morzé, Stefanie Dvorak, Dorothee Hartinger oder Markus Meyer.

Die Poesie bleibt bei dem vor übertriebener Aktivität berstenden Abend oft auf der Strecke, bis auf jene Szene, in der die Zelte in die Höhe gehoben werden und ein meditatives Flugballett beginnt. Donnernd landen sie danach wieder am Boden, als würden sie eine Außerirdischen-Invasion bringen. Wenn sie wieder weggehoben werden, hinterlassen sie aber nur die im Bühnenboden "eingelassenen" Köpfe der Schauspieler, die immer noch nicht sprechen können, auch wenn sie noch so traurig den Mund auf und zu machen.

Von dieser Nonsens-Eskalation, die Herbert Fritschs schrägen Theaterzugang auf eine ganz neue Stufe hebt, bleiben demnach vor allem beeindruckende Bilder. Wer Wert auf nachvollziehbare Gedankengänge legt, wird von diesem Stück nicht bedient. Wer sich aber in diesem Zelt einfangen lässt von lebhafter, überhöhter Zirkuskunst, der wird begeistert sein.