Die Erwartungen sind hochgeschraubt. Am Schauspielhaus könnte Intendant Tomas Schweigen mit "Das Leben des Vernon Subutex 1 + 2" so etwas wie das Stück der Stunde herausbringen. Schließlich wurden die Romane von Virginie Despentes als literarische Sensation gefeiert. Die Trilogie, 2015 bis 2017 erschienen, zeigt auf, wie Menschen im Neoliberalismus verrohen und sich hinter immer radikaleren Ansichten verbarrikadieren. Zugleich weisen die Bücher über die raue Zeitdiagnose hinaus, suchen einen möglichen Ausweg.

In der Porzellangasse wird daraus ein vierstündiger, überaus konzentrierter Kraftakt, inklusive Verköstigung in der Pause. Da gibt es entweder die kostenlose Suppe aus Plastiktellern, oder ein fürstliches Menü für einen Aufpreis von 18 Euro. Die Pausenanordnung zitiert die Kluft in der Gesellschaft und berührt damit en passant das Herzstück der Textvorlage.

Titelheld Vernon Subutex (am Schauspielhaus mit lässiger Grandezza von Jesse Inman verkörpert) führt einen Plattenladen in Paris, doch der Treffpunkt der Punkrock-Subkultur schlittert in den Konkurs. Vernon verarmt zusehends, als er die Miete nicht mehr zahlen kann, schlägt er sich als Couchsurfer bei ehemaligen Kunden durch, bevor er auf der Straße landet. Diese Begegnungen sind Anstoß für furiose Anklagen. Die Autorin entfaltet darin ein vielschichtiges Gesellschaftspanorama, das den Vergleich mit Balzac nicht zu scheuen braucht.

Da ist Xavier, erfolgloser Drehbuchautor, der vom Geld seiner Frau lebt und Nazi-Sprüche klopft (Sebastian Schindegger), oder Patrice, Rocker mit Klassenkampfhabitus, der seine Frau blutig schlägt (Simon Bauer), und Emilie, einst trinkfeste Bassistin, heute Büroangestellte mit vollem Kühlschrank (Vera von Gunten).

Despentes lässt auf über tausend Seiten einen vielstimmigen Chor zu Wort kommen. Skrupellose Millionäre, verlottertes Kulturprekariat, desillusionierte Pornodarsteller, rechtsradikale Schlägern und streng gläubige Muslima treten gegeneinander an. Die Tendenz der Tiraden geht in Richtung verlorene Illusionen, enttäuschte Hoffnungen.

Das umfangreiche Figurenarsenal lässt sich nicht umstandslos auf die Bühne bringen. Intendant Schweigen und Dramaturg Tobias Schuster haben viel gestrichen und gekürzt, notgedrungen kommt es dabei zu einer gewissen Verflachung vielschichtiger Charaktere. Dennoch ist die Bühnenfassung ein gekonntes Destillat der ersten beiden Vernon-Bände, das ein überraschendes, aber stimmiges Ende bereit hält. Freilich wird häufig frontal ins Publikum deklamiert, eine bewährte Methode, um viel Text in wenig Spielzeit unterzubringen, auch nehmen zahlreiche Spielfilmsequenzen (von Nina Kusturica) der Inszenierung viele Erzählbögen ab. Wie epische und szenische Miniaturen ineinander übergehen, passt und verfängt. Jesse Inman gelingt es, in der Titelrolle mit einer Art gutmütigen Grundspannung den Abend zusammen zu halten, um ihn irrlichtert das sechsköpfige Ensemble in Mehrfachrollen. Die Bühnenmusik von Jacob Suske hält sich erstaunlich zurück. Der Abend mag die Erwartungen nicht übertreffen, aber er ist auf sympathische Weise durchdrungen von der Sehnsucht nach einem Bruch mit dem Bestehenden.