Lachtheater als Spiel mit der Angst. Denn jeden Gedanken an das in Hüfthöhe paarig angelegte Organ empfinden viele als Beklemmung. Besonders Ältere, die dem Rat von Ärzten trauen. Die Niere grüßt selten von Speisekarten und noch seltener vom Plakat einer Lustspielbühne. In Stefan Vögels streng gebauter Komödie "Die Niere" bringt sie, gleich einem Katalysator in der Chemie, klärende Bewegung in zwei durch Affären angeknackste Ehen. Mit einer Gretchenfrage, wie sie quälender einem Partner nicht gestellt werden kann: Spendest Du mir eine deiner Nieren?

Der Stückeschreiber und Schauspieler Vögel gewann mit einem Dutzend Stücken Unterhaltungsroutine. Das Thema Nierentransplantation anzufassen, zeigt zudem Mut im gängigen Format der Salonkonversation zweier Paare. Er schreibt eher scharfe als musikalische Partituren für Schauspieler, fand in Folke Braband einen kongenialen Regisseur und in den Kammerspielen starke Mitspieler. Der heuer 50-jährige Vorarlberger fischt Lacher auch in den seichten Wassern der vulgären Psychologie. Die meint, dass ein Architekt ein Manko kompensiere, wenn er phallisch gen Himmel (Vulva!) strebende Türme entwirft. Im originalen Textbuch wird der aufrechte Stellvertreter mit dem Messer kleingehackt. Doch Regisseur Braband nimmt der Furie das Heft aus der Hand und ersetzt diese Kastration durch einen Brandunfall.

Klinisch kühles Weiß

Arnold und Kathrin hausen im Superdesign einer Architektenwohnung. Nierentisch war vorgestern, hier dominieren kristalline Formen und klinisch kühles Weiß (Ausstattung von Stephan Dietrich). Einzig der Kult-Lounge-Chair von Charles & Ray Eames, seit 1956 erzeugt, verheißt Gemütlichkeit. Arnolds großer Tag ist morgen, da präsentiert er das Modell seines 123-Meter-"Diamant Towers" für Pariser Bauherrn. Man ist in Wien, denn ein Seitenhieb gilt dem Krankenhaus Nord. Auf einer Stele postiert, funkelt Arnolds Hochhaustraum in wechselndem Licht. Doch schon in der fünften der neunzig Spielminuten ohne Pause platziert Kathrin wie einen Schlag auf den Solarplexus den Satz: "Ich brauche eine neue Niere".

Ein Ja-Nein-Vielleicht-Duell beginnt. Bald wird auch ein zu Besuch kommendes zweites Paar, Diana und Götz, eingespannt. Geht alles Reden über Mortalitätsraten, Organhandel, Pilates, Augenlasern und Migräne - einmal sei der Kalauer erlaubt - an die Nieren? Nein, Entwarnung. Der angefragte Gatte (Martin Niedermair) geht zwar im ersten Moment ein, doch bald verbiegt er sich komisch zu wortzirkusreifer Gefühlsartistik. Die Niere wird als Objekt der Hoffnung herumgeschoben wie ein Aktienpaket. Dabei führt die souveräne Martina Stilp ihren Arnold unbarmherzig, selbstmitleidig als Schwächling vor, der sich vor seinem großherzigen Freund Götz verstecken kann. Oliver Huether macht diesen leicht übergewichtigen Seelenmenschen im engen Sakko zum moralischen Ruhepunkt im Stimmungskarussell. Auch er ein Opfer: Seine Frau ging ausgerechnet mit Arnolds Planungspartner im fernen Barcelona fremd. Viel Feuer steckt in der pummeligen Pilar Aguilera. Und süße Falschheit in herzigen Posen.

Doch noch einmal scheint das Schicksal die Karten neu zu verteilen. Im Labor wurden die Proben vertauscht. Niedermair nun als Erfolgstyp abgeschminkt, das Rückgrat gebrochen, in ein Leintuch wie in ein Leichentuch gehüllt - und als Seitenspringer entlarvt. Alles nur Theater auf dem Theater. Wenn auch nach harmlosem Finale: zufriedener, weil befreiender Premierenapplaus für eine arg zugespitzte Liebst-du-mich?-Probe.