Alia Luques Experiment mit "König Ödipus" und "Antigone" will auf der Drehbühne im Dauerbetrieb und in einem Verdrängungswettbewerb zwischen Text und Musik nicht gelingen. Die polyglotte Regisseurin aus Katalonien, mit neuer Literatur abseits des Mainstreams auch im Burgtheater erfolgreich, inszenierte beide Tragödien von Sophokles im NÖ Landestheater an allen feinen Ohren für Literatur vorbei. Solche bräuchte es für die Perspektivewechsel in Heiner Müllers und Bertolt Brechts – in St. Pölten stark gekürzten – Bearbeitungeny des Labdakiden-Mythos. Brecht ergänzte in seinem 1948 in Chur vorgestellten "Antigone"-Modell die kanonisierte Hölderlin-Nachdichtung um den Nachhall von Hitler-Tyrannis und Völkermord und lässt, entgegen dem Friedensschluss bei Sophokles, den Krieg nicht aufhören (Hinweis auf Indochina, Cold war). Müller räumte in der DDR den Götterhimmel leer und macht folgerichtig aus dem Schicksalsopfer Ödipus einen selbstverantwortlichen Täter.

Die deutsche Jazzpianistin Johanna Borchert kreist auf ihrem präparierten Flügel mit Anklängen an ferne, vielleicht archaische Musikwelten unter der Bühnensonne. Die wandert als dicker Scheinwerfertopf während des Spiels von West nach Ost über den Himmel. Man weiß um die Bedeutung der Musik in der attischen Tragödie, obwohl kaum eine Quelle erhalten blieb. Bekanntlich erfanden die Renaissancemenschen im späten Cinquecento bei ihrer Reanimation der attischen Theaterkultur die italienische Oper. Johanna Borchert braucht keine Partitur. Sie wechselt Volumen und Tempo, putzt Akkord-Gehämmer mit gestrichenem und gezupften Klaviersaitenspiel auf und haucht vokalische Düsterstimmung ins Mikrophon. Ein abendfüllendes Konzert in Abstimmung mit den Spannungsbögen in den klassischen Wechselreden zwischen Protagonisten und Chören.

Stahlsaitenschwingungen und Stimmenfrequenzen

Eine medaillenverdächtige Leistung in jedem Minimal-Music-Ausdauerbewerb! Doch wer vermöchte mit dem einen Ohr dem Klavier, mit dem anderen der Deklamation folgen und beides im Kopf zum erhebenden Gleichklang vereinen? Stahlsaitenschwingungen setzen sich gegen Stimmenfrequenzen durch, vornehmlich gegen die männlichen. Eine weitere Tücke auf der akustischen Geisterbahnfahrt: Die Stimmen werden je nachdem, wo die Sprechenden auf der Bühne stehen, mal zu wenig, mal zu viel und zu oft seitenverkehrt mikroportverstärkt.

Nur sechs Personen suchen in den 16 Rollen die Autoren Sophokles, Müller, Brecht. Alle tragen Kostüme aus demselben Stoff. Er glitzert gold-silbern wie das Papier in Bonbonschachteln. Der Bartträger Tilman Rose spricht Antigones Schwester Ismene. Michael Scherff als barhäuptiger Vatermörder Ödipus schaut 20 Jahre älter aus als die leibliche Mutter Iokaste. Manch starke Frau könnte sogar als König gute Figur machen – doch Bettina Kerl, ein sympathisches Leichtgewicht im späten Teenagerformat, kommt als Kreon nicht zu Gewicht. Tim Breyvogel ist als Priester, Diener und Prinz von Theben wie immer ein braver deutscher Winnetou. Als Sprecherinnen finden am ehesten Gehör: Hanna Binder als Magd und Antigone, und Silja Bächli – unter dem Flügel kauernd! – als SeherIn Tiresias.

Die Unverhältnismäßigkeit von Johanna Borcherts Weltkunstmusikanspruch und realer Stadttheater-Armseligkeit schmerzt.