Der Hauptakteur sitzt schon lange auf der Bühne, bevor der erste Zuschauer das Forum Frohner in Krems betritt, und er wird dort still und starr verharren, wenn der letzte längst wieder gegangen ist. Die Hauptperson des Theaterabends "Unheimliches Tal/Uncanny Valley" ist nämlich ein Roboter.

Der Humanoide sieht dem deutschen Schriftsteller Thomas Melle täuschend ähnlich. Der Avatar sitzt auf einem Fauteuil und hält einen 70-minütigen Vortrag. Eine Lichtmaschine absolviert einen launigen Kurzauftritt, aber kein menschliches Wesen betritt die Bühne. Im Plauderton wird nun einiges aus dem Leben des Autors und seines Avatars berichtet. Via Videoaufzeichnung erfährt man etwa, welch enormer technischer Aufwand hinter einem Humanoiden steckt. Ein bewundernswertes Präzisionsgerät. Der Mensch Melle wurde aufwendig vermessen, vor allem der Abdruck seines Schädels war eine irre Prozedur, bei der Melles Kopf zigfach verbunden und mit Silikon übergossen wurde. Der Kreißsaal des Humanoiden ist das Labor, indem mehrere 3-D-Drucker gleichzeitig mit seinem Ausdruck beschäftigt waren. "Es ist wie bei Dorian Grey", beschreibt der Autor die erste Begegnung mit seinem künstlichen Doppelgänger. "Er bleibt für immer gleich, während ich gewissermaßen zum Bildnis werde, das dem Altern ausgesetzt ist."

Stefan Kaegi vom deutschen Performancekollektiv Rimini Protokoll hat "Uncanny Valley" gemeinsam mit dem Autor Thomas Melle erarbeitet. Nach der Premiere in den Münchner Kammerspielen gastierte die bemerkenswerte Aufführung nun im Rahmen des Donaufestivals in Krems.

Der Titel "Uncanny Valley" ist ein Begriff aus der Forschung rund um künstliche Intelligenz (KI). Damit bezeichnet man die Akzeptanzlücke zwischen einer künstlichen Figur und einer realen Person. Kann ein Zuschauer für ein mobiles Datenpaket irgendeine Form von Interesse oder gar Empathie aufbringen? Das ist eines der Kernprobleme, mit denen sich die KI-Forschung herumschlägt und zentrales Thema der Aufführung "Uncanny Valley".

Programmierte Menschlichkeit

Die Akzeptanz ist, so das vorläufige Ergebnis der KI-Forscher, dann am höchsten, wenn die Maschine den Menschen möglichst gut imitiert. Es ist daher kein Zufall, dass der Humanoide auf der Bühne seinen Vortrag mit einem Räuspern und einigen "Ähems" beginnen lässt. Vorprogrammierte Menschlichkeit.

Thomas Melle berichtete in seinem 2016 erschienenen Buch "Die Welt im Rücken" von seiner bipolaren Störung, er erzählt ausführlich von äußerster Zerbrechlichkeit und explodierenden Stimmungen. Die unbequeme Frage, die Melle nun im Lauf der Vorstellung stellt: Vermag sein Avatar ihn zu übertrumpfen? Kann die Maschine der bessere Mensch werden, wenn der Mensch sich selbst, wie Melle es offen tut, als "gestörten Prozess" begreift? Tritt der Mensch vollends in ungeschützte Konkurrenz zur Maschine? Der Abend vermag zwar keine bündigen Antworten zu liefern, aber stellt die richtigen Fragen.