Heute hätte er wahrscheinlich keine Chance mehr. Werther, der seine Lotte nicht lassen kann, würde schnell als Stalker identifiziert und er hätte sich schon mindestens ein Betretungsverbot eingehandelt. Sturm und Drang war ja vielleicht zu Goethes Zeiten noch ein Kavaliersdelikt. Regisseur Calle Fuhr hat sich für das Volkstheater in den Bezirken dieser berühmten Symbolfigur des Himmelhoch-jauchzend-und-zu-Tode-betrübt angenommen.

Auf einem - auch schon arg retro - Overhead-Projektor liegt Werthers Brief an seinen Freund Wilhelm, in dem er ihm von seinem für Lotte entbranntem Herz erzählt und von Lottes einzigem Makel - dass sie verlobt ist. Das ficht Werther aber nicht weiter an, auch wenn die Zweisamkeit, geschuldet der "Dienstreisen" Alberts (Sören Kneidl), bald vorbei ist. Er lädt sich eben bei den beiden ein und lässt sich rein gar nicht von einem Phänomen namens "Fünftes Rad am Wagen" beeindrucken. Lotte zeigt ihm aber auch keineswegs die kalte Schulter und Albert ist auch sehr lange sehr höflich. Bis es ihm zu blöd wird und er der Besucherklette nach deutlichen Worten - für den Fall - eine Pistole leiht. Ausgang bekannt.

Schwärmerei und Weltuntergang

Calle Fuhr steckt seine Schauspieler in historische Kostüme, wohl auch um nicht auf das gelb-blaue Werther-Outfit verzichten zu müssen, das einst von Goethe inspiriert genauso zur Mode wurde wie Selbstmord. Anton Widauer steckt in diesem Anzug und gibt einen mitreißend launischen Werther, der von der Schwärmerei mühelos in die Kindlichkeit und den Weltuntergang wechselt. Dabei bleibt er aber immer beachtlich liebenswert und macht klar(er), warum Lotte (ein Kind, das erwachsen sein muss: Tilla Rath) ihn nicht mit einem Handstreich wegschicken will. Werther, dieser Filou, lässt es halt einfach mehr krachen als der vernunftgesteuerte Albert mit seinem ewigen Geldverdienen und Bravsein.

Fuhr unterbricht die Handlung nicht nur mit den Overheadprojektionen, sondern auch mit Musik der Kategorie traurige Liebeslieder, die die Protagonisten nicht immer stimmsicher mit Beatbox-Begleitung vortragen. Das stört zumindest wenig in einem sonst erstaunlich runden und berührenden Stück Klassikerpflege, das auf unaufgeregte Weise sowohl modern als auch werktreu ist und bei dem auch deutlich wird, wieviel Wucht Goethes Text heute noch hat.