Im Vorjahr sprang Christophe Slagmuylder für den überraschend zurückgetretenen Festwochen-Intendant Tomas Zierhofer-Kin ein, mittlerweile ist sein Vertrag bis 2024 fixiert. Zuvor leitete der 52-jährige Belgier das Kunstenfestivaldesarts in Brüssel. Jedenfalls merkt man dem diesjährigen Spielplan überhaupt nichts von der extrem kurzen Vorbereitungszeit an. Von 10. Mai bis 16. Juni stehen 45 Produktionen mit 430 Künstlern aus 19 Ländern auf dem Spielplan. Die "Wiener Zeitung" traf den den Festwochen-Intendanten während der letzten Vorbereitungen für die Eröffnung.

"Wiener Zeitung": Die erste Festwochen-Premiere findet am Samstag (11. Mai) im 22. Bezirk statt. Wieso verpflanzen Sie die Theater-Novela "Diamante" ausgerechnet in die Donaustadt?

Christophe Slagmuylder: Ich sehe die Wiener Festwochen nicht nur als Innenstadt-Ereignis, das sich zwischen Rathausplatz, Burgtheater und Museumsquartier abspielt. Es geht um ein Fest für die ganze Stadt, deshalb bin ich gerade mit der ersten Produktion in die Peripherie gegangen.

Sie haben vergleichbare Projekte auch in Brüssel, ihrer vorherigen Wirkungsstätte, umgesetzt. Welche Erfahrungen haben Sie damit gemacht? Gelingt es durch räumliche Nähe, ein anderes Publikum anzulocken, oder erreicht man wieder nur die üblichen Verdächtigen?

Ich glaube auch nicht daran, dass jetzt ganz Transdanubien zu uns kommen wird, aber wir sollten es versuchen. Brüssel und Wien sind im Übrigen sehr verschieden. Vielleicht brauchen wir hier etwas mehr Zeit und Geduld, um dahin zu gelangen, dass die Publikumsstruktur diverser gestaltet ist. Die Wiener Festwochen haben eine lange Tradition, Veränderungen müssen behutsam, nach und nach umgesetzt werden.

Spielen Sie auf die Intendanz Ihres Vorgängers an? Tomas Zierhofer-Kin verpasste den Festwochen eine radikale Kurskorrektur und stieß damit auf viel Gegenwehr. Doch bereits vor Zierhofer-Kin mussten die Festwochen einen Publikumsschwund hinnehmen. Spüren Sie einen Erfolgsdruck?

Natürlich gibt es viel Druck. Aber das ist der Preis, wenn man so eine Position übernimmt. Die einzige Antwort, die ich in der jetzigen Situation parat habe: Meinen Ideen und Überzeugungen treu bleiben und darauf vertrauen, dass uns das Publikum schon folgen wird. Das diesjährige Programm, hinter dem ich trotz der kurzen Vorbereitungszeit voll und ganz stehe, ist ja nur der erste Schritt. Ich arbeite bereits am Programm für 2021.

Wo sehen Sie Unterschiede zwischen Brüssel und Wien?

Wien ist ein historisch stark verankerter Ort, an jeder Ecke wird man mit der Geschichte der Stadt konfrontiert. Das ist in Brüssel überhaupt nicht so, das ist eine multikulturelle Stadt, ohne besonders ausgeprägte nationale Identität.