Fühlen Sie sich in Wien heimisch?

Nicht heimisch, aber ich fühle mich wohl. Noch habe ich mit der deutschen Sprache zu kämpfen und bin in gewissem Sinne ein "Fremdkörper". Manchmal schmerzt das, andererseits erlaubt es mir, mich naiv zu stellen.

Wie schätzen Sie die Wiener Theaterlandschaft ein?

Wien verfügt über ein ausgesprochen gutes Repertoire-Theater. Was aber eindeutig fehlt, sind international hochkarätige Angebote. Diesen Auftrag erfüllen ganz klar die Wiener Festwochen. Wir können etwas zeigen, was das ganze Jahr über am Spielplan fehlt. So gesehen können die Festwochen in Wien eine viel größere Rolle spielen als in Brüssel.

Wie stehen Sie denn zum klassischen Repertoiretheater? Besuchen Sie Bühnen wie das Burgtheater?

Gelegentlich, ja. Unser Leben könnte weitaus vielfältiger sein, wenn wir unsere Komfortzone öfter verlassen würden. Wir bewegen uns viel zu sehr in denselben Kreisen, besuchen dieselben Orte, treffen Menschen, die ähnliche Berufe ausüben. Ich nehme mich da gar nicht aus. Gerade in der Kunst ist es aber unerlässlich, sich immer wieder mit neuen Dingen zu konfrontieren, um Neues erleben zu können.

Was haben Sie im Bereich Musiktheater vor? Traditionell wurde dieses Genre von den Festwochen stiefmütterlich behandelt.

Derzeit möchte ich das noch offenlassen. Mich fasziniert, dass das Wiener Publikum von klassischer Musik so hingerissen ist. Das ist außergewöhnlich. Ich versuche, hier etwas Neues zu entwickeln, eine Art inszenierte Musik, angesiedelt zwischen Konzert und Oper, auch denke ich über eine Weiterentwicklung des Liederabends nach.

Wo sehen Sie Tendenzen des Gegenwartstheaters?

Es fällt zunehmend schwerer, einzelne Kunstgattungen zu separieren. Künstler arbeiten heute mit größerer Selbstverständlichkeit als jemals zuvor innerhalb diverser Genres. Der Genie-Begriff, von dem die Kunstwelt über Jahrhunderte hinweg zehrte, wird derzeit massiv hinterfragt. Die Idee des Kollektivs läuft dem solitären Künstler gerade ziemlich den Rang ab. Auch geht es verstärkt darum, wie und unter welchen Bedingungen Kunst entsteht - Stichwort: Metoo und mehr Diversität. Auch Künstler wie Milo Rau fordern den Kunstbetrieb massiv heraus. Künftig wird es verstärkt darum gehen, hier eventuelle Schieflagen auszubalancieren.

2014 war Frie Leysen für das Schauspielprogramm der Wiener Festwochen verantwortlich und kritisierte bei ihrem vorzeitigen Abgang, dass zu viel Ressourcen in Bürokratie und Verwaltung fließen. Sie sind mit Leysen gut bekannt und als alleiniger Intendant in einer mächtigeren Position als sie es damals war. Wollen Sie nun etwas an den Strukturen ändern?

Ich hoffe schon, aber ich möchte mich dazu noch nicht äußern. Natürlich wusste ich in etwa, was mich erwartet, nicht nur Frie Leysen, auch Stephanie Carp und viele andere haben mit mir über den Job gesprochen. Mir geht es zunächst darum, ganz genau zu verstehen, warum Strukturen so sind wie sie sind. Ganz allgemein gesprochen, werden sich wohl viele bewährte Kultureinrichtungen neu erfinden und neu orientieren müssen, um mit den Veränderungen im Kunstbetrieb Schritt halten zu können. Darin liegt wohl eine der großen Herausforderungen der Zukunft.