Verfilmungen, Musicalfassungen und Theaterinszenierungen sowieso: "Peter Pan", der Klassiker der Jugendliteratur, wurde schon oftmals verarbeitet. Bereits 1904 brachte der schottische Autor und Dramatiker James Matthew Barrie den Stoff als Bühnenfassung ins Theater - erst später entstand übrigens das Buch. Doch Ballettstücke gibt es im Vergleich wenige, und wenn, dann meist Einakter. Obwohl die Geschichte um den Buben, der partout nicht erwachsen werden will, eigentlich alle Zutaten besitzt, um auch vertanzt zu werden: Fee, Piraten, Indianer, viele Kinder und natürlich Peter Pan. Zugegebenermaßen könnte sich eine Krokodil-Choreografie als schwierig erweisen, aber Kreativität kennt bekanntlich ja keine Grenzen. Das hat nun Vesna Orlic eindrucksvoll bewiesen: Ihr abendfüllendes "Peter Pan"-Ballett wurde am Wochenende in der Wiener Volksoper uraufgeführt.

Peter Pan fliegt wirklich!

Die Rollen sind für die Tänzer perfekt zugeschnitten oder auch die Tänzer perfekt gecastet. Letztendlich ist die Reihenfolge egal, das Ergebnis zählt: Keisuke Nejime in der Hauptrolle kann fliegen - nicht nur aufgrund der Bühnentechnik, sondern auch wegen seiner virtuosen federleichten Sprünge. Ge- und verfolgt von seinem Schatten Robert Weithras, der abgesehen von der bis in jedes Detail getanzten Synchronität mit Peter Pan auch Akrobatik beherrscht, die manch Raunen im Zuschauerraum auslöst. An ihrer Seite ist die zappelnde Fee Tinker Bell: Die zarte Suzanne Kertész zeigt neben schönen Ballettlinien auch schauspielerisches Talent, wenn sie sich eifersüchtig gegenüber Wendy (Mila Schmidt) zeigt oder Peter Pan das Leben rettet. Doch Captain Hook entpuppt sich als Publikumsliebling: Lázlò Benedek gibt sich als eitles Karl-Lagerfeld-Imitat, der flamenco- und schwanensee-tanzend - inklusive Diadem - mit genialer Stummfilm-Mimik, Slapstick und natürlich seinem Holzbein aus einem Spitzenschuh Kinder und Erwachsene gleichfalls zum Lachen bringt - mit Unterstützung von Mr. Smee (Patrik Hullmann), Hooks tollpatschigem Diener, und den restlichen fast dümmlichen Piraten.

Mit den Mitteln des Theaters

Orlic orientiert sich am Film, ohne ihn zu imitieren, und schöpft die Mittel des Theaters dabei voll aus. Dieser Eindruck verstärkt sich mit der Wahl der Musik, die aus Filmmusiknummern von Erich Wolfgang Korngold, Max Steiner, Franz Waxmann und anderen zusammengestellt ist und im großen Orchester der Volksoper von Wolfram-Maria Märtig temperamentvoll geleitet wird. Pompös schallt es manchmal auch etwas laut - wie im Kino eben. Dazu gibt es einen Vor- und Abspann sowie zahlreiche Videoeinspielungen, die die Handlung weiterführen, ohne deplatziert zu wirken.

Auch die Choreografie ist Teil der Handlung, niemals sinnentleert allein der Darstellung von Virtuosität gewidmet. Dennoch ist die Dauer von mehr als zwei Stunden für einige Kinder eine wahre Herausforderung. Diese zu meistern, helfen Gags oder auch ein Riesenkrokodil, das im richtigen Moment die Piraten frisst und äußerst lautstark rülpst.

Vesna Orlic ist mit ihrem Ensemble ein wahrlich sehenswertes Kinderballett gelungen, das Video-Effekte, Tanz, Gesang und außergewöhnliche Musik mit viel Humor temporeich verknüpft.