Zur Festwocheneröffnung pilgert das Publikum dieses Jahr in die Donaustadt. Erste Station: Alfred-Klinkan-Hof. Im weitläufigen Innenhof des Gemeindebaus aus den 1970er Jahren hat die bildende Künstlerin Anna Witt eine Soundinstallation angebracht. Punkt 16 Uhr hebt "Beat House Donaustadt" an, zu vernehmen ist nicht viel mehr als ein an- und abschwellendes Rauschen. Laut Programmheft speist sich die Tonspur aus Herztönen der gut tausend Gemeindebau-Bewohner. Mancher Mieter lehnt sich aus dem Balkon, beäugt die Festwochenbesucher, die ihrerseits nach oben starren. Nach gut 20 Minuten ist der Spuk auch schon wieder vorbei.

Szenenwechsel: Auf den Stufen der Erste Bank Arena, unweit der U-Bahnstation Kagran, wird eine schwarze Fahne geschwenkt. Ein Projekt der belgischen Performerin Ula Sickle, die damit den Protest polnischer Frauen gegen die Verschärfung der Anti-Abtreibungsgesetze unterstützen will. Angeblich wird die Fahne noch bis 22 Uhr hochgehalten. Diese Interventionen im öffentlichen Raum flankieren das Eröffnungswochenende, sind wohlgemeint, geraten aber etwas beliebig.

Binge-Watching

Nichtsdestotrotz erlebt man bei der Eröffnungsrede eine gut gelaunte Kulturstadträtin, einen schlagfertigen Intendanten und einen launigen Bezirksvorsteher, der cäsarisch verkündet: "Die Spiele mögen beginnen."

Und sie beginnen mit einem sechsstündigen Bühnenmarathon. Der argentinische Theatermacher Mariano Pensotti hat für die immersive Theatersaga "Diamante" in der großräumigen Halle 3 der Erste Bank Arena eine fiktive Stadt gleichen Namens errichtet.

In drei Akten entwirft Pensotti in der bis ins kleinste Detail stimmigen Ausstattung von Mariana Tirantte ein gigantisches Gesellschaftspanorama, erzählt in kleinteiligen Szenen vom Aufstieg und Fall einer Industriestadt.

Dabei flanieren die Zuschauer entlang einer Hauptstraße, an der etwa zehn identische Häuser errichtet sind. Via schaufenstergroßer Fenster beobachtet man Szenen, die sich in den jeweiligen Wohnzimmern abspielen. Da die szenischen Miniaturen überall gleich lang sind, sie dauern etwa zehn Minuten, und parallel gespielt werden, kann man zwanglos von Haus zu Haus ziehen.

Bis zur ersten Pause entfalten Pensotti und sein Team ein groß angelegtes narratives Geflecht, mosaikartig setzen sich Verbindungen zwischen den 26 Bewohnern von Diamante zusammen: Die Gründungsidee der Stadt war von philanthropischen Idealen beseelt, doch bald nahm die kapitalistische Trutzburg sektenartige Züge an und dann schlittert der alles beherrschende Konzern "Goodwind" auch noch in die Krise. Die Arbeitsbedingungen werden härter, die Bewohner fürchten um ihre Jobs und Privilegien, es geht um Verteilungskämpfe mit denen "da draußen". Bei der bevorstehenden Kommunalwahl liefern sich die konservative Kandidatin und ihr linker Rivale ein knallhartes Kopf-an-Kopf-Rennen.

"Diamante" beginnt als vielversprechendes theatrales Binge-Watching, versandet aber bedauerlicherweise zunehmend. Je länger der Abend dauert, desto bizarrer entwickeln sich manche Erzählstränge - eine Gruppe Jugendlicher verliert sich etwa in eigentümlichen esoterischen Drogenritualen. Der revolutionäre Barkeeper wird zum seltsamen Reaktionär. Es ist, als ob Autor und Regisseur Pensotti im Lauf der Handlung das Interesse an den politischen Verwerfungen verliert, die er im ersten Teil so sorgfältig entworfen hat. Dafür rücken persönliche Geschichten vermehrt in den Fokus. Ein Ehebruch jagt den nächsten, es wimmelt geradezu von gebrochenen Herzen. Ein Schicksal wie das von Claudia - die einstige Top-Managerin verdingt sich nach ihrer Entlassung als Stripperin und Putzfrau - nimmt überdeutlich Maß am Telenovela-Format. Wieso nicht etwas mehr "House of Cards"-Raffinesse?

Vielstündige Aufführungen wie "Diamante" gehören gewissermaßen zum Kerngeschäft der Wiener Festwochen. Nur durch internationale Tourneen, "Diamante" wurde bei der Ruhrtriennale 2018 uraufgeführt, lassen sich solche Großprojekte überhaupt verwirklichen. Doch verglichen mit herausragenden Festwochen-Produktionen - in den 1990er Jahren etwa das Akko Theater mit der Shoa-Aufarbeitung "Arbeit macht frei" oder zuletzt das perfekte Illusionsspiel "Us Dogs" der Immersions-Spezialisten von Signa - kreist in "Diamante" das Theater mit viel Aufwand um sich selbst. Eine mitreißende Vision geht im Wirbel verloren.