Die Liebe ist ein freies Radikal. Und manchmal treibt jemand mit ihr ein seltsames Spiel. Wie Laborleiter Oberon, der mit seiner Gattin Titania im Streit liegt. Der Mensch ist zu ewig treuer Liebe, letztlich zur Liebe bis in den Tod fähig, lautet Oberons These - seine Frau bezweifelt das. Getestet wird die Treue-These im Versuchslabor, bisher sind alle Probanden am letzten Treue-Test gescheitert. Zu groß waren die Verlockungen von Ruhm und Geld.

Vier Probanden sind noch übrig. In blauen Laborkitteln werden sie mit bewusstseinserweiterten Substanzen versorgt und auf märchenhafte Biografien eingeschworen. So werden im Labor zwei Paare geschmiedet: Kalifentochter Rezia und ihr Retter Hüon von Bourdeaux sowie die Zofe Fatime (lyrisch: Natalia Kawalek) und der Knappe Scherasim (jugendlich: Daniel Schmutzhard).

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Witziger Puppenzauber

Dass dieses an sich etwas konstruierte Setting als Regieansatz absolut aufgeht, liegt an der feinen Musikalität und dem pointierten Humor, mit dem Regisseur Nikolaus Habjan sein Konzept umsetzt - und an den von Habjan gebauten und wunderbar geführten Puppen, mit denen gleich drei Pucks (herrlich verschroben: Manuela Linshalm und Daniel-Frantisek Kamen) die exotischen wie abenteuerlichen Szenarien samt Personal zum Leben erwecken. Die mit einzelnen Requisiten nur punktuell angedeutete Feen- und Zauberwelt, die Habjan und sein Team hier entstehen lassen, setzt auf kluge Komik statt auf kitschigen Klamauk. Wie aus dem sterilen Laborsetting hier mit einfachen Mitteln eine Abenteuerwelt entsteht, entspricht der fantasievollen Logik eines Kindes.

Die Darsteller sind in dieser Semi-Opera von Carl Maria von Weber mit viel Sprechtext sehr gefordert - als vielseitige Singschauspieler. Sehr gut gelingt das Mauro Peter als sonorem Elfenkönig Oberon und Annette Dasch, die als Rezia nicht nur eine fordernde Partie bravourös bewältigt, sondern auch als Darstellerin präsent ist. Vincent Wolfsteiner legt den edelen Hüon recht heldisch an, was sein heller Tenor mit Krafteinsatz auch mitmacht.

Das Spiel auf der Bühne und das im Graben sind eng verknüpft, das Orchester darf die gesprochenen Szenen mitunter gar lautmalerisch unterstützen. Dass die Ouvertüre mit der ersten Chorszene - der Schönberg Chor glänzt erneut durch herausragende Pianokultur - getauscht ist, macht dramaturgisch Sinn, degradiert die Musik jedoch zum begleitenden Stummfilmsoundtrack. Der erst 25-jährige Shootingstar Thomas Guggeis am Pult debütiert mit "Oberon" ebenso im Theater an der Wien wie Regisseur Nikolaus Habjan. Guggeis realisiert mit dem Wiener Kammerorchester ein engagiertes Konzept. Der schlanke, fein gewobene Klang, den er formt, passt hervorragend ins Haus und umschifft geschockt allzu üppige romantische Ausbrüche. Mitunter entzieht diese Lesart dem Klang jedoch die nötige Substanz.

Auf Kosten der Liebe

Substanz ist generell der Wermutstropfen dieser bei der Premiere am Montag heftig bejubelten Produktion. So schlüssig, so erfrischend und humorvoll das Regiekonzept und auch die musikalische Umsetzung sind, sie gehen szenisch wie musikalisch auf Kosten der musikalischen wie emotionalen Substanz. Der Zauber und die Magie der Liebe, sie haben hier gar keinen Platz, ja gar keine Chance. Die Tragik bleibt gut hinter der Komik versteckt.

Das Experiment mit der Liebe gerät im psychiatrischen Labor nämlich aus den Fugen und entgleist gänzlich. Titania will bis zum Äußersten gehen, Sicherungen brennen durch, die Versuchsanordnung bricht in sich zusammen. Dass am Schluss nicht die Liebe siegt, sondern die Macht der Drogen, folgt dem Regiekonzept. Die langsam aus ihrem Rausch erwachenden Probanden haben einen ordentlichen emotionalen Kater. Und die Liebe? Die wird ihrem Ruf als freies Radikal gerecht. Sie lässt sich weder unterfragwürdigen Laborbedingungen testen noch durch Chemie herbeizwingen. Sie ist es lieber selbst, die ihr seltsames Spiel treibt - mit den Menschen.