Das Hemd steckt kaum je stramm in der Militärhose. Es ist falsch zugeknöpft, hängt aus dem Bund heraus, spricht jeglicher militärischer Schneidigkeit Hohn. Der Kerl im Hemd ist, von Anfang an, alles andere als ein Krieger - dennoch wird er zum Soldatendasein verdammt. Florian Teichtmeister verkörpert den unglückseligen Carl Joseph von Trotta, Leutnant der k.u.k. Armee und Hauptfigur in Joseph Roths Roman "Radetzkymarsch" (1932). Die Dramatisierung des Jahrhundertromans feierte nun im Theater in der Josefstadt Premiere.

Elmar Goerden führt nicht nur Regie, sondern erstellte auch die gelungene Bühnenfassung, in der epische und szenische Momente elegant verwoben sind: Auf der Bühne wird gleichermaßen gespielt und erzählt. In der Flut aktueller Roman-Dramatisierungen eine absolute Rarität, figuren- und handlungsreiche Bücher werden sonst mit Vorliebe frontal ins Publikum rezitiert. Im Eiltempo durchmisst der zweistündige "Radetzkymarsch" wesentliche Erzählstränge, verhandelt am Beispiel einer Familiengeschichte, die drei Generationen überspannt, Glanz und Untergang der Habsburgermonarchie.

In den Abgrund

Das Epizentrum des Abends ist Florian Teichtmeister, der kommende Spielzeit ans Burgtheater wechseln wird. Zumeist steht sein Trotta wie von allen guten Geistern verlassen in der Bühnenlandschaft herum, man kann nicht genug davon bekommen, Teichtmeister beim Nichtstun zuzusehen. Durch seine tragische Liebschaft mit Katharina Slama (Pauline Knof) und die groteske Affäre mit Frau von Taußig (Alexandra Krismer) wird der junge Trotta, ohnehin schon depressiv, noch bedrückter. Die gepeinigte Gestalt vermag Teichtmeister mit erschütternder Aufrichtigkeit darzustellen; Joseph Lorenz stolziert als zugeknöpfter Vater über die Bühne, Andrea Jonasson führt als etwas gezierter Graf Chojnicki das "Radetzkymarsch"-Personal in den Abgrund des Krieges; das hellwache Ensemble ist in Mehrfachrollen zu sehen (und trägt Fin-de-Siècle-Kostüme von Lydia Kirchleitner). Die Bühne (Silvia Merlo und Ulf Stengl) gleicht einem eigentümlich mit Papier bespannten Gerüst, das sich ächzend um die eigene Achse dreht. Der Kontrast zwischen dieser Josefstadt-Aufführung und Johan Simons Inszenierung 2017 am Burgtheater könnte kaum größer sein: Simons strebte die postdramatisch ambitionierte Re-Lektüre des Stoffs an, die indes als grellbuntes Ballspiel versandete; Goerden dagegen entwirft die psychologisch fein ziselierte Übersetzung des Romans, die an Ernsthaftigkeit schwer zu überbieten ist.

Bleibt die Frage: Welche Impulse liefert die Inszenierung für unsere an Spannungen auch nicht gerade arme Gegenwart? Zerbricht Europa angesichts nationalistischer Tendenzen wie einst die Monarchie? Dazu liefert Goerdens Inszenierung leider wenige Antworten. Was bleibt, ist handwerklich perfektes Amüsement, ein fescher Untergangswalzer.