- © Werner Strouven
© Werner Strouven

Direkt nach der Uraufführung am Kaaitheater Brüssel im Rahmen des Kunstenfestivaldesarts ist "Penelope Sleeps" nach Wien gekommen und gastierte zwei Abende lang bei den Wiener Festwochen. Die in Norwegen geborene Choreografin und Performerin Mette Edvardsen will ihre musikalische Performance als Oper ausgeben: "Wir haben ein Stück geschaffen - eine Oper", schreibt sie im Programmzettel zur Veranstaltung. Das ist ein bisschen arg hoch gegriffen. Die Elemente Musik, Gesang, Text und Bühnengeschehen kommen bei dieser dekonstruktivistischen Veranstaltung unverbunden nacheinander. Werden als disparate Teile untersucht und ausprobiert.

Edvardsen probiert auch noch etwas anderes aus: Seit 2010 läuft das Projekt "Time has fallen asleep in the afternoon sunshine", das ebenfalls sechs Tage lang in Wien zu sehen war. Wobei "sehen" hier nicht das richtige Wort ist. Es geht um "hören". Performer und Performerinnen haben Bücher auswendig gelernt - Faust, Orlando, Bartleby und andere - und erzählen sie dem Publikum. Die Idee ist dem Science-Fiction-Roman "Fahrenheit 451" von Ray Bradbury entnommen und versteht sich als Geste gegen das Verbrennen von Büchern.

Aber zurück zu "Penelope Sleeps". Auf der schummrig geleuchteten Bühne in der Halle G im Museumsquartier liegen drei Körper am Boden. Edvardsen selbst, die über ein Mikroport spricht und eine Geschichte von einem Vater, der seine Tochter vor einer Spinne schützen soll, erzählt. Ist sie fertig mit Sprechen, richtet sich der Komponist Matteo Fargion ins Sitzen auf und fabriziert mit Harmonium und Synthesizer spärliche Klänge. Dazu singt Sopranistin Angela Hicks am Boden liegend in Richtung Decke. Es ist, als würde sie nur einen hohen Ton summen. Übertitel auf Englisch und Deutsch übermitteln den Text.

In sturer Beibehaltung dieser Abfolge - Edvardsen spricht, dann singt Hicks - geht es weiter. Inhaltlich löst sich der Text von der titelgebenden Figur der Penelope, die 20 Jahre auf die Rückkehr ihres tot geglaubten Mannes Odysseus aus dem trojanischen Krieg warten musste. Um ihre Freier fern zu halten, schreibt Homer, habe sie geschworen, dass sie erst wieder heiraten würde, wenn sie ein Totentuch für ihren Schwiegervater fertig gewoben hat. Untertags webend, löst sie das Gewebe des nächtens wieder auf. Bei "Penelope Sleeps" verkommt diese Geschichte zu kleinen Anekdoten über Spinnen und das Färben von Stoffen. Einmal wird das Wort "Penelope" ausgesprochen. Da ist die Rede von einem Nightclub.

"Wichtig ist, dass wir zuhören"

Zusammenhänge oder auch nur Assoziationsspuren stellen sich über den gesprochenen und gesungenen Text von "Penelope Sleeps" nicht her. Es sind Listen von Tätigkeiten - "to never go anywhere, to visit ones parents, to fly to the light" - die in betonter Unterspanntheit nicht dem Publikum, sondern den Scheinwerfern an der Decke dargebracht werden. Alles an diesem Abend zeugt von einer Verweigerungshaltung. Edvardsen: "Wichtig ist nicht, was die Geschichte erzählt (die Moral), sondern dass wir zuhören". Dieses Zuhören wird dem Publikum möglichst schwer gemacht. Demonstrative Langsamkeit wird zur Langeweile, das Sitzen am Boden tut weh.

Ausgehend von der Verweigerung der Penelope den Freiern gegenüber, verweigert Edvardsen 90 Minuten lang das Theater. Diese pseudo-kritische Geste ist seit mindestens 40 Jahren en vogue. Alle Abende wieder Theaterabende, die Theater verweigern und über den Selbstwiderspruch, dass dabei Theater gemacht wird, nicht hinaus kommen. Intellektuell ist das Paradoxon spätestens nach fünf Minuten erfasst, dann muss seine penetrante Folgenlosigkeit für weitere 85 Minuten am eigenen ermüdenden Leib erfahren werden. Edvardsen reiht sich in diese Tradition ein und hat ihr nichts hinzuzufügen.