Auf der weitläufigen Bühne steht ein Fernseher, über dessen Bildschirm eine Talkshow flimmert. Ein Satz aus der Fernsehdiskussion ist zu hören: "In Polen gibt es wieder gute Richter." Damit beginnt in der Halle E des Wiener Museumsquartiers der Theaterabend "Proces". Regisseur Krystian Lupa, Grandseigneur des polnischen Gegenwartstheaters, gibt der Aufführung von Anfang an politische Stoßrichtung: Es geht auf der Bühne um die Diagnose gegenwärtiger Verwerfungen. Nicht Josef K. - Franz Kafkas Protagonist des Romanfragments - sitzt auf der Anklagebank, sondern das gesamte polnische Politsystem. Oder gleich die ganze Welt.

"Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet." Ausgehend von einem der berühmtesten ersten Sätze der Literaturgeschichte, verstrickt sich der unglückliche Held in Kafkas Roman zunehmend in einer so willkürlichen wie undurchsichtigen Dunkelwelt von Gesetz und Unordnung. Die Flut der Interpretationen ist schier unendlich, die möglichen Erklärungen jener anonymen Hierarchien, die hier wallten, nahezu endlos.

Vergebliche Versuche

Wer sich an den an Figuren und Handlung reichen Stoff wagt, benötigt einen überzeugenden Zugriff. Regisseur Lupa geht die Sache mit seinem 18-köpfigen Ensemble mit Emphase an, eine bestechende Umsetzung gelingt ihm nicht. Der Theaterabend schlingert unentschlossen zwischen Szenen, die vage und arbiträr erscheinen, dann wieder wird die Handlung überdeutlich auserzählt. Die knappen deutschen Übertitel massakrieren dazu Kafkas Sprache; möglicherweise trifft dies auf die polnischen Dialoge weniger zu.

Der sechsstündige Theatermarathon besteht aus drei Akten, unterbrochen von zwei 20-minütigen Pausen. Im ersten Teil geht es um die Festnahme und K.s Bemühungen, den Grund der Anklage herauszufinden. Teil drei führt die vergeblichen Versuche K.s, sich zu verteidigen, bis zum bitteren Ende inklusive der bekannten Türwärter-Parabel fort.

Im Mittelteil löst sich Lupa von der Textvorlage. Ab diesem Zeitpunkt kommen biografische Aspekte aus Kafkas Leben rund um die Entstehungszeit des Romans 1914/15 ebenso ins Spiel wie persönliche Weltrettungs-Visionen der einzelnen Schauspieler. Protagonist Josef K. verschmilzt mit dem Autor K. - fortan ist in der Bühnenadaption wahlweise von Josef oder Franz K. die Rede. In der Kafka-Rezeption mag das durchaus eine gängige Deutung sein - der künstlerische Mehrwert auf der Bühne bleibt fraglich. Zweifelhaft erscheint auch Lupas Umgang mit dem nackten Körper. Mit sexuellen Anspielungen, die so bei Kafka teilweise angelegt sind, geht der Regisseur zwar couragiert um - die Vergewaltigung während des Verhörs stellt einen dieser gelungen-verstörenden Momente dar -, warum aber Hauptdarsteller Marcin Pempuś dazu verdammt ist, nahezu die gesamte Aufführung entweder unzureichend (nur mit Hemd und Socken) oder gleich gänzlich unbekleidet zu sein hat, bleibt ein Rätsel. Falls damit eine Metapher für den Zustand des Bis-auf-die-blanke-Haut-Ausgeliefertseins gemeint wäre, wird diese über Gebühr beansprucht.

Die Stärke liegt im Bühnenbild


Die Stärke der Aufführung liegt im Entwurf szenischer Bilder. Das Bühnenbild, für das Lupa ebenfalls verantwortlich zeichnet, besteht im Grunde aus leeren Räumen, die mit Hilfe raumfüllender Leinwände verengt und vergrößert werden. Die Wände dienen als Projektionsfläche für Videos; das Bühnenbild entsteht gewissermaßen aus dem Videobild. Filmemacher Bartosz Nalazek gelingen im Verbund mit der Musik von Bogumil Misala erstaunlich atmosphärische Szenerien; die Schauspieler platziert Lupa dabei häufig am Rand, in der Ecke, im Hintergrund. Große Auftritte für schale Szenen.

2009 gastierte Andreas Kriegenburg mit seiner viel gelobten "Prozess"-Adaption bei den Festwochen. Kriegenburg ersetzte den Protagonisten durch einen Chor, die Aufführung glänzte durch ihre kühle Abstraktheit, ihre kühne Künstlichkeit. Lupa nähert sich Kafkas enigmatischem Werk auf der Bühne, indem er es offensichtlich ergründen will. Genau darin liegt das Dilemma dieser Aufführung. Kafka wäre nicht Kafka, ließe er sich im Vorbeigehen entschlüsseln.