Wien. Und dann das. Eigentlich sei es ja eine "Katastrophe" gewesen, dieser Szenenapplaus in Wagners "Lohengrin". In der durchkomponierten Oper war das ein Unding. "Aber es musste einfach raus aus den Leuten. Wie Christa Ludwig im zweiten Akt ‚Entweihte Götter‘ gesungen hat, wie perfekt ihr jede Phrase gelang: Es war ein magischer Moment. So etwas kannst du nicht planen, so etwas kannst du nicht genauso wiederholen, es ereignet sich einfach. Unvergesslich!"

Die Erinnerung daran malt noch Jahrzehnte später eine knabenhafte Bewunderung in das Gesicht von Erich Wirl. Der 74-Jährige ist nicht nur Enthusiast, er ist auch Besitzer einer wahren Opernwunderkammer. Der pensionierte Schriftsetzer hat im Lauf seines Lebens eine Sammlung aufgebaut, die ihresgleichen sucht. Rund 400.000 signierte Künstlerfotos hortet er, alphabetisch sortiert in eigens gezimmerten Schränken.

Corelli beim Äußerln erwischt

Ein Schmuckstück in Erich Wirls Sammlung: Christa Ludwig 1946 als Orlofsky. - © Irrgeher
Ein Schmuckstück in Erich Wirls Sammlung: Christa Ludwig 1946 als Orlofsky. - © Irrgeher

Wie alles begann? Zufällig, mit einem Schauspieler. "Als ich 15 war, habe ich Hans Moser eine Karte zum Geburtstag geschrieben. Er hat mir ein signiertes Foto zurückgeschickt." Anfang der 60er Jahre dann das Erweckungserlebnis an der Staatsoper: "Eine ‚Tosca‘ mit Giuseppe di Stefano, Leontyne Price und Giuseppe Taddei unter Herbert von Karajan. Ich war am Stehparterre - ab da war’s aus mit mir." Seither pilgerte Wirl mehrmals wöchentlich auf den Stehplatz, fand dort Gleichgesinnte: "Alle gleich narrisch mit ihren Lieblingen und Gegenlieblingen, Schwärmereien und Streitereien." Der Keim zur Opernsammlung war gelegt, und diese wurde mit Liebe und Ehrgeiz vergrößert. Insider-Wissen verhalf etwa zu einer nächtlichen Begegnung mit Franco Corelli: Der Tenor ging nach der Oper gern mit seinem Hund Gassi. "Ich habe ihm die Leine gehalten, er unterschrieb. Dann gab ich ihm den Hund zurück, er mir die Fotos."

Wirl sammelt die großen Namen und die kleinen, lässt sich die Signaturen auf Fotos im aktuellen Rollenkostüm kritzeln. Und wenn einer seiner Lieblinge im Ausland auftritt, will er auch davon eine Unterschrift - selbstverständlich auf einem passenden Bild. Unterstützt durch ein Netzwerk an Bekannten, ist Wirl zu einem Chronisten von Karrieren avanciert. Dabei legt er Wert darauf, kein Trophäenjäger zu sein. "Mir ist die Wertschätzung für die Künstler das Wichtigste. Das sind Menschen, keine austauschbaren Objekte." Diese Haltung habe ihm auch einige Türen geöffnet, etwa bei Christa Ludwig. Sie hat Wirl etliche Fotos aus ihrem Besitz geschenkt. Ein Schmuckstück: ein Orlofsky, den die Mezzo-Ikone 18-jährig in Frankfurt gesungen hat.