In seinen musikalischen Bögen schafft er es, zu verweilen ohne dabei zum Stillstand zu kommen. Er kostet Facette um Facette aus, entwickelt daraus zart flirrende, schwelgend strahlende oder auch üppig ausladende Klanggebilde. Er breitet große Flächen aus, ohne sie breit zu treten. Alles hat dabei seinen Platz, ist in Balance: vom intimen Cellosolo über die zahlreichen Naturlaute bis zum groß aufschwelgenden silbrigen Liebesglück. Keine Stimme geht dabei auf Kosten der anderen, der Spannungsbogen reißt nie ab. Dabei hat es Christian Thielemann nie eilig, spürt den reichen musikalischen Welten Richard Strauss‘ nach, lässt sie voll Zauber, Kraft und Wärme erstrahlen. Das Klagen, Sehnen oder Schwelgen der Figuren und des Orchesters bleiben dabei frei von jedem Kitsch.

Vom einzelnen Motiv zum weltumfassenden, alles umspannenden Klang, vom einzelnen Schicksal zu den Gesetzmäßigkeiten der Menschheit, ja der Menschlichkeit - all diese Bögen spannt der Dirigent bei dieser "Frau ohne Schatten". Und die Musiker des Wiener Staatsopernorchesters folgen ihm in jeden der ausgeleuchteten Winkel, konzentriert und doch voller Verve, in aller Klarheit und mit der nötigen glänzenden Wärme.

Tönende Menschlichkeit

Thielemann erweist sich dabei am Pult - mit dem herausragend besetzten Sängerensemble - auch als exzellenter Erzähler. Wie er Camilla Nylund als Kaiserin aus den überirdisch kühlen, spitzen Höhen auf der Suche nach ihrem Schatten durch alle aufwühlenden zerreißenden Prüfungen hin zur klanglich strömenden Liebenden führt, die ihr eigenes Glück hinter das anderer stellt, ist beeindruckend. Ihr Wandel von der durchlässigen Feentochter zum menschlichen Wesen wird hier klanglich in jeder Nuance fassbar. Die solitäre Nina Stemme - sie glänzt mit Präsenz, kluger Klarheit und tiefer Expression - als Färberin, die mit ihrem Schatten der Kaiserin ihre Fruchtbarkeit abtreten soll, formt er von einer launisch schnippischen Despotin in eine demütig ihr einfaches Glück schätzende künftige Mutter. Die Amme als taktische Fädenzieherin verfügt mit Evelyn Herlitzius über die nötige Schärfe und Abgründigkeit.

Den Färber Barak zeichnet der Dirigent mit Wolfgang Koch als das Klang gewordene sonor tönende Mitgefühl, an dem sowohl die kühle Kaiserin als auch seine eigene verhärmte Frau die Knoten in ihren Herzen lösen können. Stephen Gould schließlich ist als Kaiser der virile stolze Held, den es als noblen Gegenpol zu all den Abgründen braucht. Doch auch er wandelt sich und löst sich aus seiner Versteinerung.

Die Geschichte der prüfungsreichen Menschwerdung, die jede der zentralen Figuren für sich durchmacht, sie bündelt Thielemann in der Partitur noch einmal zu einem großen Erzählstrang, den er vom ersten Ton bis zur finalen Klangpracht konsequent aufbaut, weiter spinnt und zur erlösenden Vollendung führt.

Der Psychologe im Graben

Die psychologische Dimension dieser (dramaturgisch nicht einfachen) Oper nach einem Libretto von Hugo von Hofmannsthal, sie findet sich in dieser am Samstag heftig bejubelten Premiere der Produktion ganz klar in der musikalischen Umsetzung. Hier sitzt der Psychologe im Graben und nicht auf dem Regiesessel.

Denn die Regie von Vincent Huguet sieht gegen die differenzierte Klangpracht und -macht reichlich blass aus. Sie kann mit diesem großen musikalischen Wurf nicht mithalten, steht ihm aber immerhin nicht im Weg. Seine Figuren bleiben Schablonen, der große Bogen fehlt. Die spannenden, auch 100 Jahre nach der Uraufführung aktuellen Themen um weibliche Selbstbestimmtheit, die Rolle der Frau als Mutter oder Fragen danach, was es bedeutet, Mensch zu sein - für all das findet der junge Franzose keine Form außerhalb der Musik. Mit grauen Felsenwänden, Lichtprojektionen und blauen Stoffbahnen schafft er ein immerhin neutrales, ziemlich altbackenes Setting.

Die Wiener Staatsoper begeht mit dieser "Frau ohne Schatten" ihr 150 Jahr-Jubiläum. Sie setzt damit nicht nur ein überaus vitales musikalisches Lebenszeichen, sondern zeigt, womit Oper auch im 21. Jahrhundert zu überzeugen versteht: mit der packendsten aller Universalsprachen, mit der tönenden Menschlichkeit Musik.