Es sind die Abgehängten, die Verlierer der Gesellschaft, die zu dieser "Therapie in drei Flügeln" zusammenkommen: eine Teilzeit-Alkoholikerin, ein Amokläufer, der an einem Autobahnzubringer wohnt, ein älterer Homosexueller, der eigentlich Kindergärtner ist, dem aber die Eltern ihre Kleinen nicht mehr anvertrauen wollen, und so weiter.

Sibylle Berg hat in ihrem "Hass-Triptychon" wenig Mitleid mit diesen Gestalten, die nicht anders können, als im Internet Hasskommentare zu posten, Ersan Mondtag noch weniger. Der junge Regisseur brachte im Rahmen der Wiener Festwochen die Uraufführung von Bergs neuem Stück als Koproduktion mit dem Berliner Maxim-Gorki-Theater heraus.

Divenhafte Exkurse

In Deutschland wird Mondtag für seine ästhetisch überwältigenden Inszenierungen gelobt. Die Therapiepatienten treten in Teresa Verghos Kostümen als lächerliche Spielzeugtrolle oder Comicfiguren auf, die in den Strom geraten sind - stilisierte Hochspannungsleitungen sind auch über den gesamten Zuschauerraum im Volkstheater gespannt (Bühne: Nina Peller).

Die härteste Erbarmungslosigkeit aber besteht darin, dass der Therapeut, der gleichzeitig als singender Zeremonienmeister oder "Hassmaster" (in eigenen Worten: "euer Führer") dient, mit dem exzentrischen belgischen Performer Benny Claessens besetzt wurde. Claessens tritt in einer engelsgleichen Perücke und barocker Gewandung, später halbnackt und mit goldenem Glitzer übersät auf. Im besten Fall massiert er seine Schützlinge ein wenig wie am Ende einer Yogastunde, im schlimmsten sagt er ihnen, was sie eh schon wissen: dass sie minderwertig und mittelmäßig sind. Dazwischen hat Claessens viel Narrenfreiheit. Er spielt Frage-und-Antwort-Spiele mit dem Publikum, lästert über das vermeintlich geriatrische Publikum (einige Plätze im Zuschauerraum sind durch Skelette belegt) und die Idiotie von Repräsentation auf der Bühne.

Nicht nur diese Seitenhiebe auf das Theater selbst verweisen auf Mondtags älteren Kollegen René Pollesch, der zeitgleich im Akademietheater ebenfalls eine Festwochen-Premiere feierte. In alter Pollesch-Manier stürmt auch hier einmal die Souffleuse auf die Bühne, um dem Ensemble in einer komplizierteren Szene beizustehen. Als bei der Premiere niemand ihre Dienste in Anspruch nahm, wirkte sie etwas verloren, und nur Theaterkenner verstanden die Referenz. Claessens’ divenhafte Exkurse sind eine Show für sich, leider eine, die das ohnehin schon aggressive Hass-Thema mit noch mehr negativer Energie überlagert. Claessens strahlt aus (und sagt auch explizit): Er habe "keinen Bock auf den ganzen Scheiß".

Sibylle Bergs pointiert zeitgeistige Sätze und pfiffige Assoziationsketten erhalten dadurch eine Zähigkeit, die ihnen nicht guttut. Es ist dies nach einem Abend in Köln das zweite Mal, dass die Autorin einen Text Ersan Mondtag überantwortet, und man fragt sich, warum. Bergs spitze, heitere Schärfe und Mondtags Hang zur Breite und Beklemmung gehen nicht recht zusammen. Auch die Vertonung einiger Verse als Musicalnummern durch den Komponisten Beni Brachtel lässt deren Stärke in lauter Lustlosigkeit verklingen. So entsteht weder ein bildstarker Ersan-Mondtag- noch ein heiter-zynischer Sibylle-Berg-Abend. Die Schuld der Gorki-Schauspieler ist das nicht, sie nehmen sich tapfer der Textfragmente an. Im Einheitsbrei der akustischen Verstärkung im Volkstheater gehen aber auch ihre Bemühungen um Klarheit oft unter.

Das Premierenpublikum spendete nach zwei eher reaktionsarmen Stunden überraschend heftigen Beifall. Da ahnte es noch nicht, dass die letzte der drei Wiener Vorstellungen ersatzlos ausfallen würde. Benny Claessens hatte keine Stimme mehr.