Nava möchte den vermeintlichen Mord an ihrem Großvater, den sie nie kennengelernt hat, aufklären. Ihre Mutter möchte lieber mit ihr tanzen. Aber es fällt ihr nicht die richtige Musik dazu ein. Sie liegt ja auch seit eineinhalb Jahren im Koma. Nach einem Schlaganfall wurde sie in ein Teheraner Krankenhaus gebracht und ist dort nicht mehr erwacht. Zumindest erzählt ihre Tochter ihr das.

Es dauert recht lange, bis man sich an diese kuriose Ausgangssituation gewöhnt hat. Eigentlich gelingt es nie. Die 1982 geborene iranische Theatermacherin Azade Shahmiri erzählt ihren futuristischen Krimi "Voicelessness" innerhalb von 55 Minuten so zart und mit so sparsamen Mitteln, dass sich im Zuschauer etwas dagegen sträubt, das Gesehene als dem Science-Fiction-Genre zugehörig anzuerkennen. Im Rahmen eines Iran-Schwerpunkts im Theater Nestroyhof Hamakom ist die zwei Jahre alte Arbeit zu den Wiener Festwochen eingeladen.

Zukunft der Stimme

Shahmiris Hauptfigur Nava (Shadi Karamroudi) hat im Jahr 2070 ein Gerät erfunden und patentieren lassen, mit dem sie Stimmen aus der Vergangenheit einfangen kann. Sie kann es im Krankenhaus an ihre Mutter anschließen und so mit ihr reden. Auch ihre Gedanken liest sie damit, sofern diese es zulässt. Egal, ob diese nun aus Text oder Musik bestehen. Außerdem zeigt Nava ihrer Mutter - und dem Publikum - auf einer Leinwand Videomaterial aus der Vergangenheit: Angeblich Beweismaterial dafür, dass der Großvater damals 2016 eines erzwungenen Todes starb.

Der Dialogaufwand, der erforderlich ist, allein die technischen Umstände dieser Geschichte zu erklären (zumal auf Farsi mit deutschen und englischen Übertiteln), ist irritierend. Bis irgendwann klar wird, dass es der Autorin und Regisseurin, die selbst auch das 35-jährige Abbild der Mutter spielt, weder um das Familiendrama noch um das nicht sonderlich mysteriöse Mordrätsel geht, sondern genau darum: eine mögliche Zukunft für die menschliche Stimme zu spinnen.

Die Grundüberlegung dabei ist das Prinzip des Echos: Wenn wir in den Bergen sprechen und die Stimme widerhallt, lebt sie wenige Sekunden ohne uns weiter. Was, wenn man diese Zeitspanne technisch unbegrenzt verlängern könnte? Auf diesen so poetischen wie originellen Gedanken könnte man ganze Literatur- oder TV-Epen gründen. Shahmiri aber tut das nicht. Sie beschränkt sich auf eine intime, unspektakuläre Theaterstunde, in der zwei Schauspielerinnen durch leises Spiel und Zurückhaltung punkten. Wer sich darauf einlässt, hat möglicherweise nachher einiges zu grübeln. Denn bei aller selbstverständlichen Technologie scheint da immer noch sehr viel Ungesagtes zurückzubleiben.