Bei "Symphonia Harmoniæ Cælestium Revelationum" wird das musikalische Werk von Hildegard von Bingen aktualisiert. François Chaignaud und Marie-Pierre Brébant kommen vom Tanz, haben sich 38 der 77 erhaltenen liturgischen Gesänge angeeignet. Ihre nackten Körper sind über und über beschrieben und bemalt. Mittelalterliche Handschriften und Buchmalereien beschwören die Möglichkeit, durch diese Körper die Schriften der katholischen Kirchenlehrerin aufzuerwecken. Brébant spielt auf einer ukrainischen Lautenzither, Chaignaud singt, beide versunken in die Harmonien.

"Caritas habundat in omnia", also "Liebe überflutet das All", heißt es da etwa. Die 150 Minuten haben einen sakralen Charakter. Behutsam bewegen sich Chaignaud und Brébant durch die Abfolgen. Das intensive Lichtarrangement lenkt den Blick durch die Halle. Ein Bühnenobjekt wie eine Spielburg fokussiert die Aktionen. Es kommt zu Umarmungen, Zweistimmigkeiten und Tanz. Die Konzentration der beiden fesselt.

Dicht gedrängt auf Campingstühlen sitzt das Publikum und lauscht der Komposition aus dem 12. Jahrhundert. Jede Bewegung verursacht ein Knarzen des Plastiks. Diese Geräusche lenken die Gedanken wieder ins Hier und Jetzt der theatralen Situation. Es entsteht ein Abstand zum hypnotisierenden Arrangement. Was bedeutet die gottesfürchtige Liturgie als Kunstform dargebracht? Oder: Was ist das für ein Abstand zwischen dem Klosterleben im 12. Jahrhundert und den Wiener Festwochen 2019? Solch Gedanken fesseln auch.