Jaja, Meghan ist hübsch und glamourös. Jaja, die pastellfarbene Queen Elizabeth II. ist eine Wucht. Jaja, Prinz Philip ist ein unterhaltsamer Sprücheklopfer. Aber ganz ehrlich: So richtig abendfüllend war die englische Monarchie zu anderen Zeiten. Das weiß man als massenmedial geprägter Bildungsbürger durch die Überzahl an einschlägigen TV-Serien von den "Tudors" bis zu "Reign". Aber das wusste schon Friedrich Schiller, der der glücklosen schottischen Königin Maria Stuart, deren nachhaltigstes Pech es war, auch Anspruch auf den englischen Thron zu haben, ein eigenes Stück gewidmet hat. Und das wusste auch Stefan Zweig, dessen Biografie "Maria Stuart" sich etwas mehr an die Fakten hielt und die auch Darryl Pinckney zu seinem Text "Mary said what she said" inspiriert hat.

Partitur der Lebenswege

"Erinnerung, schütte dein Herz aus", heißt es da zu Beginn von Isabelle Huppert in der Rolle der Maria Stuart. Die Königin wartet auf ihre Hinrichtung, die ihre Cousine Elisabeth I. angeordnet hat. Und schmettert dem Publikum in einem furiosen Wortgewitter ihre Lebensgeschichte entgegen. Sie erzählt von ihrer kurzen Episode als blutjunge französische Königin, sie erzählt von ihren blutigen Beziehungsverwicklungen in Schottland, sie erzählt von ihrer Schönheit, der Schönheit von jemanden, für den man stirbt, sie erzählt von der so gnadenlosen gepuderten Jungfrau Elisabeth.

Musik von Ludovico Enaudi unterstreicht ihre Gefühlswelt und wird zur Partitur ihrer Lebenswege. Symphonisch wird aufgegeigt, wenn sie als Königin einzieht, zärtlich klimpert es am Cembalo, wenn sie sich an bessere Zeiten auf den Tanzparketten der Höfe erinnert. Aber bei einem Regisseur wie Robert Wilson darf es nicht bei untermalenden Klängen bleiben, immer wieder fällt Verfremdung über die Inszenierung her. Wenn Mary über Hexenvorwürfe spricht, wird ihr eingefrorenes Kreisch-Gesicht grün angeleuchtet und Dämonengegröle wabert in Dolby-Surround haarsträubend durch den Saal. Wilson setzt die für ihn typischen Stilelemente der Lichteffekte und wiederholten Bewegungsabläufe hier sparsam, konzentriert und zielsicher ein. Gegen Ende, bevor Mary, wie sie betont, mit "Fassung" vor den Henker treten wird, läuft sie manisch vor und zurück, sie rudert immer wieder mit den Armen, so, wie wenn sie sich vom Festhalten losreißen wollte. Wilson hält Huppert circa 20 Minuten im Dunkeln, ihr Gesicht ein schwarzer Teil der typischen Silhouette mit der schmalen Taille und den Tudor-Puffärmeln.

Verzweiflung nicht gestattet

Umso eindrucksvoller, als man ihre Mimik dann endlich sieht, die meist von der Würde des Gottesgnadentums und der von ihr beschworenen Fassung gekennzeichnet ist. Die aber auch gegen Ende in repetitiven Kreisläufen entgleist, in Ausdrücke des ungläubigen Lächelns und der Verzweiflung, die man sich nicht erlaubt. Pinckneys Text, von Huppert auf Französisch vorgetragen, auf der Seite in Übertiteln auf Deutsch und eEnglisch übersetzt, glänzt mit Poesie ("Ich stehe im Sturm meiner aufgespaltenen Gedanken"), Witz (Schottland als das Land der "lächerlichen Ortsnamen und pinkelnden Schafe") und einem Schuss Pathos. All das fließt durch Huppert in bemerkenswertem Facettenreichtum. Manchmal verliert ihre Mary die Worte in einem Brabbelschwall, oft bringen fast wörtliche Wiederholungen von ganzen Abschnitten völlig neue emotionale Erkenntnisse. Was Wilson, Enaudi und natürlich Huppert gelingt, ist eine Art Hommage an eine Schauspielkönigin: Denn noch Stunden später hat man Hupperts stürmische Sprachkunst im Ohr - selbst, wenn man des Französischen nicht überragend mächtig ist. Und natürlich ist es eine Hommage an eine schicksalsgebeutelte Königin. In einer TV-Serie hätte man wohl noch erfahren, dass der Henker dreimal zuschlagen musste, bis er den Kopf Maria Stuarts endlich abgeschlagen hatte. Solche Drastik benötigte dieser elegante Theaterabend gar nicht, um eindrücklich zu berühren.