"Rock'n'Roll" steht auf dem rechten Unterarm von  David Garrett  - und von dort geht er förmlich über den Geigenbogen auf das Instrument des 38-jährigen Violinvirtuosen über, wenn er oben auf der Bühne steht, umringt von der Neuen Philharmonie Frankfurt plus Band, und seine Crossover-Nummern spielt. Im elften Jahr mischt der Aachener Stargeiger, der eigentlich David Bongartz heißt, nun schon Klassik und Rock, und zwar mit Erfolg. Hat doch jedes seiner zehn Alben, von denen er jährlich eines rausgehaut hat, Gold- oder Platinstatus erlangt. Freilich steckt da viel harte Arbeit dahinter, die ihm sogar einen Bandscheibenvorfall samt Zwangspause beschert hat, wie er im Vorfeld des jüngsten Wien-Konzertes im Interview erzählt hat.

Seiner Performance (aktuell im Rahmen der "Unlimited"-Jubiläumstour zu zehn Jahren Corssover, die er in Wien nun abgeschlossen hat) sieht man das freilich nicht an. Der Mann, der nach seinem "Hummelflug"-Weltrekord im Jahr 2008 (exakt 65,26 Sekunden - das sind unglaubliche 13 Noten pro Sekunde) auch mit anderen Auftritten international für Furore gesorgt hat, wirbelt so locker über die Bühne, als wäre es eine leichte Übung. So leicht, dass er einmal (dank Seilzug) über dem Orchester schwebt.

28 Lieder bekommen seine Fans in den zwei Stunden Programm zu hören, und David Garrett gibt bei so vielen Nummern Vollgas an akustischer und E-Geige (bei "Stairway to Heaven" wechselt er sogar hin und her), dass man sich schon fragen muss, wie er das nur aushält im Scheinwerferlicht mit dem langen Haarzopf im Nacken, Markenzeichen hin oder her. Apropos: Für die bombastische Lichtshow samt Vidi-Wall-Kulisse hat er sich auch von Computerspielen inspirieren lassen.

Für die bombastische Lichtshow hat er sich auch von Computerspielen inspirieren lassen. - © WZ
Für die bombastische Lichtshow hat er sich auch von Computerspielen inspirieren lassen. - © WZ

Optisch tut sich also einiges auf der Bühne. Stilistisch spannt er den Bogen (Achtung, Wortwitz!) von hart bis zart, von AC/DC ("Thunderstruck") bis Johann Sebastian Bach (Air aus der Orchestersuite D-Dur BWV 1068), von wild (Aram Chatschaturjans "Säbeltanz") bis melancholisch (Bill Withers' "Ain't No Sunshine"). Dem Publikum gefällt's, es spendet brav Applaus am Ende jeder Nummer. Mittendrin mitgeklatscht wird aber nur selten - dafür dürfen kurz vor Schluss alle mit ihren Handys leuchten, als David Garrett Phil Collins' "In the Air Tonight" spielt (im Original übrigens wohl am Sonntag im Happel-Stadion live zu hören). Von den Sitzen hebt es die Besitzer der elektronischen Glühwürmchen dann doch noch bei einem Queen-Medley, in dem natürlich "We Will Rock You" nicht fehlen darf. Da bebt die Wiener Stadthalle dann wirklich.

Handy-Lichter statt Feuerzeuge bei "In the Air Tonight". - © WZ
Handy-Lichter statt Feuerzeuge bei "In the Air Tonight". - © WZ

Bis dahin, scheint's, waren die Leute zu sehr mit zuhören und staunen beschäftigt ob seines virtuosen Fingerspiels. So ist es halt bei Sitzplatz-Konzerten: Man knotzt da und lauscht den Geigenklängen des deutschen Ausnahmekünstlers. Wobei diesmal insbesondere die Neigungsgruppe Rockklassiker auf ihre Kosten kommt. Umgekehrt kann es für den Geiger mitunter anstrengend werden, sein Showkonzept durchzuspielen. So hätte David Garrett für Bill Withers' "Ain't No Sunshine" eigentlich gerne eine Frau als exklusive Zuhörerin auf die Bühne geholt - aus Mangel an Freiwilligen nimmt er dann aber nolens volens einen Zehnjährigen aus der Nähe von Hollabrunn. Wo genau das liegt, damit will sich der Aachener lieber nicht auseinandersetzen, "bevor ich mich hier geografisch blamiere".

Für Gänsehaut sorgt an diesem Abend vor allem sein Zusammenspiel mit den 30 anderen E- und U-Musikern (von Schlagzeuger bis Cellisten) auf der Bühne - wenn man überhaupt noch in diesen Kategorien denken darf. Denn eigentlich sollten sie spätestens seit David Garretts Crossover-Ansatz obsolet sein. Und vielleicht erreichter ja tatsächlich sein im Interview ausgegebenes Ziel: durch die Rock- und Popmusik den Leuten auch die Klassik näherzubringen, die sie sonst nie gehört hätten. Wer weiß, wie viele Geigen in Wien jetzt wieder aus dem Schrank geholt werden.