Die ersten Töne der Aufführung gehören dem Klack-Klack der Stöckelschuhe. Fünf Tänzerinnen in High Heels (und elf Tänzer in Turnschuhen) treten geschmeidig auf die Bühne des Theaters an der Wien. Alle tragen schwarze Anzüge, nehmen fast die gesamte Längsseite ein - und bewegen sich, getragen von der Basslinie des ersten der sechs Brandenburgischen Konzerte Johann Sebastian Bachs, Richtung Publikum. Der aufrechte Gang - nichts scheint einfacher zu sein, und doch wirkt es an diesem wunderbaren Abend so, als sei es die größte Kunstform überhaupt, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Bach eignet sich denkbar schlecht zum Marschieren. Für alle andere Bewegungsformen scheint er dagegen wie geschaffen.

Anne Teresa De Keersmaeker, 59, eine der Pionierinnen des zeitgenössischen Tanzes, setzt mit "Die sechs Brandenburgischen Konzerte" erneut Maßstäbe im tänzerischen Umgang mit klassischen Werken. Die Aufführung, 2018 von Chris Dercon, dem umstrittenen Kurzzeit-Intendanten der Berliner Volksbühne initiiert, wird seitdem weltweit bejubelt. Das Wien-Gastspiel ist wohl einer der Höhepunkte der diesjährigen Festwochen. Wie De Keersmaeker und ihre Tänzer sich Bachs berühmte Kompositionen zu eigen machen, ist schlicht grandios.

- © Anne Van Aerschot
© Anne Van Aerschot

"Vitalität und Lebendigkeit"

Die Choreografin hat sich im Lauf ihrer Karriere wiederholt mit Bachs Werken auseinandergesetzt; für ihre bisher größte Bach-Recherche, "Die sechs Brandenburgischen Konzerte", fand sie nun eine ganz außergewöhnliche Besetzung: Ihr 16-köpfiges Ensemble vereint Tänzer unterschiedlicher Generationen, was etwa bei Duetten zu überraschenden Interaktionen führt. Im Programmheft ist zu lesen, De Keersmaeker verbinde diese Komposition mit einem "Gefühl der Vitalität und Lebendigkeit". Beides setzt sie gemeinsam mit ihren Tänzerinnen und Tänzern ohne Reibungsverluste auf der Bühne um. Einen inhaltlichen Bogen sucht man an diesem Abend vergeblich, er ist auch gar nicht wichtig. Es geht einfach nur um Emotionen.

Bachs Musik gibt den musikalischen Rahmen vor, sie ist eigensinnig in der Instrumentierung und variantenreich in den kompositorischen Details. De Keersmaekers Choreografie hält dem Standardwerk ihre Umsetzung entgegen, sie lässt sich nicht von der Musik mitreißen, bebildert keine musikalischen Motive, sondern agiert als autarke Partnerin.

Ihre Choreografie folgt einem klaren, fast mathematisch geordneten Bewegungsvokabular, das in seinen geometrischen Mustern die kontrapunktische Disziplin des Komponisten in Reihen, Zick-Zack- und Kreisbewegungen spiegelt. Diese formal strengen Gruppenformationen, die mitunter ein wenig an höfische Tänze erinnern, werden raffiniert und vielfältig unterbrochen - von Soli, Duetten, Trios. De Keersmaeker erlaubt sich dazu Späße mit der Musik - ein Hund an der Leine (etwas verwirrt) quert die Szene, das Getänzel namens Floss aus dem Computerspiel Fortnite darf nicht fehlen.

Musikalisch erfüllt das 23-köpfige B’Rock Orchestra unter Leitung von Amandine Beyer vielleicht nicht unbedingt sechs Bach-Konzerte lang die hohen Ansprüche des Konzerthaus-Publikums. Dem Gesamteindruck tut dies keinerlei Abbruch. Selten hat man Bach so schön gesehen.