Wien. Mit Spannung erwartet man die erste Pressekonferenz zu Martin Kusejs erstem Burgtheater-Spielplan. "Neue Richtungen und Ästhetiken suchen, den üblichen Mainstream verlassen und mich noch einmal einem gewissen Risiko aussetzen": Mit diesem Vorsatz tritt Martin Kusej (58) als neuer Burgtheater-Direktor an. Dem Wiener Publikum versprach der Kärntner Slowene, der zuletzt das Münchner Residenztheater leitete, ein "adäquates, zeitgemäßes Programm", das der Diversität der Stadt gerecht werde.

Das Burgtheater sieht Kusej dabei als "große ideelle Basis für die, die verändern wollen oder auch die, die Orientierung suchen", wie er kürzlich im APA-Interview verriet. Er selbst hatte sich vor zehn Jahren zunächst anders orientiert. Als aussichtsreichster Kandidat für die Nachfolge von Klaus Bachler als Burgtheaterdirektor gehandelt, hatte er gegenüber Matthias Hartmann das Nachsehen und bezeichnete die Vorgehensweise des damaligen Kunststaatssekretärs Franz Morak (ÖVP) als "kulturpolitischen Eklat". Er kündigte an, das Haus nach der Ära Bachler nicht mehr betreten und als Regisseur mittel- und langfristig seine Zelte in Österreich abbrechen zu wollen. Als letzte große Inszenierung zeigte er 2008 Karl Schönherrs "Der Weibsteufel" mit Birgit Minichmayr und Nicholas Ofczarek, mit dem er einen "Nestroy" für die beste Regie einheimste.

Karriere in Deutschland

In Folge ging der ehemalige Schauspielchef der Salzburger Festspiele nach München: 2011 wurde er Intendant am Bayerischen Staatsschauspiel, wo er seither mit zahlreichen Erfolgen punkten konnte, die er wohl teilweise nun auch nach Wien übernehmen wird. Karin Bergmann konnte den gebürtigen Kärntner wieder an die Burg zurückholen, und so inszenierte er im Herbst 2016 Arthur Millers "Hexenjagd". Rückblickend eine vorsichtige Heimkehr, die nun besiegelt wird.
Mitte der 1980er-Jahre schloss der am 14. Mai 1961 geborene Kusej sein Studium an der Grazer Hochschule für Musik und darstellende Kunst mit einer Diplomarbeit über Robert Wilson und eine Inszenierung namens "Ultramarin" ab. Mit seinem Freund und Bühnenbildner Martin Zehetgruber absolvierte er seine Lehrjahre in der Off-Szene. "My friend Martin" nannte sich das kongeniale Doppel.
Zu seinen frühen Inszenierungen zählen etwa Heiner Müllers "Verkommenes Ufer/Medeamaterial/Landschaft mit Argonauten" am Experimentellen Theater EG Glej Ljubljana (1987), Horvaths "Glaube Liebe Hoffnung" am Slowenischen Nationaltheater (1990), Grillparzers "Der Traum ein Leben" am Schauspielhaus Graz (1992) oder Schillers "Kabale und Liebe" am Stadttheater Klagenfurt (1993). In der Folge wurde Stuttgart zu einem schicksalhaften Ort für Kusej: Friedrich Schirmer, damals designierter Intendant des Staatstheaters Stuttgart, vertraute ihm 1993 mit Grabbes "Herzog Theodor von Gotland" die Eröffnungspremiere an. Die Inszenierung stieß zwar beim Stuttgarter Publikum auf wenig Gegenliebe, doch Schirmer hielt an seiner Entdeckung fest und ermöglichte Kusej eine kontinuierliche Arbeit.

Oper in Stuttgart

Auch Kusejs Karriere als Opernregisseur begann in Stuttgart. Damals lud ihn Klaus Zehetlein ein, Purcells "King Arthur" (1996) zu inszenieren. Seither war das Doppel Kusej/Zehetgruber an mehreren deutschen Häusern zu Gast. Ein 2004 in Bayreuth geplanter "Parsifal" platzte jedoch.
Mit Nikolaus Harnoncourt verzeichnete er große Erfolge mit den gemeinsamen Salzburger-Festspiel-Produktionen des "Don Giovanni" und des "Titus", die Zürcher "Zauberflöte" jedoch wurde mit Buhrufen vom Publikum bedacht. Für "Höllenangst" von Johann Nestroy erhielt Kusej 2006 den "Nestroy". Ab 2007 begann dann die Hinwendung nach München: Seine Inszenierung von Georg Büchners "Woyzeck" am Residenztheater wurde zu einem vollen Erfolg.
Ganz aus Wien wegzudenken war Kusej in den vergangenen Jahren dennoch nicht: Gemeinsam mit Harnoncourt brachte er 2008 etwa Igor Strawinskis "The Rake's Progress" im Theater an der Wien zur Aufführung. Seine Intendanz in München eröffnete Kusej mit kräftiger heimischer Unterstützung: Unter den mehr als 50 Ensemblemitgliedern befanden sich mit Birgit Minichmayr, Nicholas Ofczarek, Markus Hering, Andrea Wenzl, Tobias Moretti, Norman Hacker, Werner Wölbern, Paul Wolff-Plottegg oder August Zirner auch zahlreiche Österreicher bzw. aus österreichischen Theatern bekannte Darsteller. Eröffnet wurde die erste Spielzeit mit Schnitzlers "Das weite Land". Zu den Höhepunkten gehörte unter anderem seine "Faust"-Deutung im Jahr 2014.

Wien lockt - und ruft

Als Matthias Hartmann schließlich 2014 aus dem Burgtheater entlassen wurde, kursierte sogleich Kusejs Name in den Feuilletons. Der winkte jedoch ab und verwies auf seinen laufenden Vertrag in München. "Ich kenne das Burgtheater enorm gut und wünsche ihm, dass es sich in Ruhe und Frieden und kreativ wiederfinden und den gigantischen Schuldenberg abbauen kann", so Kusej damals gegenüber Medien: "Wenn der abgebaut ist, dann höre ich auch wieder hin, wenn jemand ruft."
Burgtheaterdirektorin Karin Bergmann baute ab, und Kulturminister Thomas Drozda (SPÖ) rief. Dass bei Kusejs Amtsantritt auch schon Drozdas Nachfolger Gernot Blümel (ÖVP) nicht mehr im Amt sein würde, konnte noch vor wenigen Wochen niemand ahnen. (apa)