Wien. "Ich weigere mich, das Alleinstellungsmerkmal des Burgtheater-Direktors anzunehmen, wir arbeiten als Team in flachen Hierarchien", mit diesen Worten eröffnet Martin Kušej die Präsentation seines ersten Spielplans für Burg- und Akademietheater und stellt zunächst einmal seine Co-Direktorin Alexandra Althoff und die Dramaturgen vor. Programmatisch fährt er fort: "Sprache und Nationalität waren prägend bei der Gründung des Burgtheaters, es war eine Maßnahme zur Aufwertung der Landessprache", so Kušej . "Heute kann man in Wien tagtäglich viele Kulturen und Sprachen erleben, darauf sollte man stolz sein. Daran möchte ich anknüpfen." Vielsprachigkeit und Internationalität sind demnach zentrale Anliegen der neuen Direktion. Sein Projekt ist nichts Geringeres als die Neudefinition dessen, was man gemeinhin als Nationaltheater begreift, die Ausweitung in ein viele Länder umspannendes Theater.

Interkulturelle Projekte

Diesen Prozess leitet er mit Regisseuren aus 13 Ländern ein und einigen Schauspielern, die Deutsch nicht als Muttersprache haben, wie die Isländerin Elma Stefanía Ágústsdóttir, Annamária Láng aus Ungarn und Itay Tiran aus Israel.

Diese internationale Ausrichtung ist eine absolute Novität, die es in diesem Ausmaß in der langjährigen Geschichte des Hauses noch nicht gegeben hat. Wajdi Mouawads Aufführung "Vögel" soll dieses Prinzip veranschaulichen. Der Thriller über den Zerfall einer jüdischen Familie, der auf Deutsch, Englisch, Hebräisch und Arabisch gesprochen wird, feiert am 13. September Premiere.

Die Eröffnung der neuen Direktion, am 12. September 2019, obliegt Ulrich Rasche mit Euripides‘ "Die Bakchen". Rasche gehört mit seinem außergewöhnlichen Maschinentheater inklusive Chorformationen zu einem der herausragendsten Regisseure des Gegenwartstheaters, am Burgtheater wird er erstmals inszenieren. Den Eröffnungsreigen schließt schließlich Intendant Kušej mit Albees "Wer hat Angst vor Virginia Woolf", eine Übernahme aus dem Münchner Residenztheater, dem er bislang vorstand. Die Spielzeit bringt noch vier weitere Produktionen aus München – "Faust", "Der nackte Wahnsinn (Noises Off") und "Don Karlos" allesamt von Kušej und das Kinderstück "Thomas und Tryggve" von Anja Sczilinski.
In seiner ersten Saison wird es nur eine einzige Neuinszenierung von Martin Kušej geben: Dabei nimmt er sich ausgerechnet Kleists "Hermannschlacht" vor, das Stück war zuletzt in den 1980er Jahren am Spielplan und war einer der größten Erfolge Claus Peymanns. In den kommenden fünf Jahren sieht der Vertrag des Intendanten je zwei Inszenierungen pro Jahr vor. Das Burgtheater-Ensemble erfäht eine Frischzellenkur: Florian Teichtmeister kommt aus der Josefstadt, Rainer Galke aus dem Volkstheater, aus München verstärkt etwa Bibiana Beglau das Ensemble. Tobias Moretti und Birgit Minichmayr kehren ebenfalls fest ans Haus zurück. Zu den prominentesten Abgängen gehören wohl Joachim Meyerhoff und Petra Morzé.

Der Spielplan besticht vor allem durch eine Vielzahl neuer Regiehandschriften. Dazu gehören Kay Voges, in Deutschland hochgelobt für seine Inszenierungen, die digitale Kulturen auf der Bühne reflektieren. Voges wird die Endzeit-Oper "Dies Irae – Tag des Zorns" im Burgtheater uraufführen. Neuland betritt Kušej etwa mit der belgischen Autorin und Regisseurin Anne-Cécile Vandalem, sie wird ihr Stück "Tristesses" uraufführen; gänzlich unentdeckt ist hierzulande auch der Isländer Thorleifur Örn Arnarsson, der "Peer Gynt" und die "Edda" herausbringen wird. Das Regieduo Ene-Liis Semper & Tiit Ojasoo aus Tallinn hat sich mit dem Theater NO99 einen Namen gemacht, sie werden in Wien Bulgakows "Meister und Margarita" zerlegen.

Aus Festwochen-Gastspielen sind die Regisseure Kornél Mundroczó, Sebastian Nübling und Oliver Frljiæ bekannt, die nun erstmals am Burgtheater tätig werden. Simon Stone ist auch bei 2019/20 wieder mit von der Partie und die britische Star-Regisseurin Kathie Mitchell wird mit dem Klimastück "2020 oder das Ende" von Alice Birch die Saison im Juni 2020 beenden.

Die "Junge Burg" findet künftig unter dem Label "Burgtheater-Studio" im Vestibül statt. Zum Ort des politischen Austausches wird fortan das Kasino ernannt, in der Nebenspielstätte am Schwarzenbergplatz werden diverse Diskursformate stattfinden.

"Wir haben einen fetten Spielplan", beendete der designierte Direktor jovial die Pressekonferenz. Die neue Saison kann kommen.