Gesichtslose Körper: die Tänzer in "Matadouro". - © Sergio Caddah
Gesichtslose Körper: die Tänzer in "Matadouro". - © Sergio Caddah

Es beginnt damit, dass ein Tänzer den Rhythmus von Chopins Trauermarsch in seine Trommel drischt. Es setzt sich fort, indem die Darsteller den zunächst aus Lautsprechern ertönenden Anfang von Schuberts Streichquintett mit Trommeln und Trillerpfeifen übertönen: Das ist keine freundliche Begegnung der Kulturen. Das ist Kampf. Und Kampf ist auch das Thema des Stücks "Matadouro live" des brasilianischen Choreografen Marcelo Evelin.

Seine Vorlage, der Roman "Os Sertões" von Euclides da Cunha, behandelt den Canudos-Krieg: 1896 und ’97 leistete die in Armut vegetierenden Landbevölkerung der republikanischen Armee Brasiliens erbitterten, aber letztlich erfolglosen Widerstand. Etwas von dieser Vergeblichkeit verkörpern die acht Tänzer: Nackt bis auf die an den Leib geklebten Messer, den Waffen der Bauern im Canudos-Krieg nachempfunden, und die Masken, die sie jeglicher Individualität entkleiden, scheinen sie zur Kreatürlichkeit reduziert. Während das Hugo Wolf Quartett Schuberts C-Dur-Quintett intoniert, sieht man sie um den leeren Bühnenraum im Kreis laufen, unablässig, eine knappe Stunde lang, während der vollen Länge der Komposition. Von Zeit zu Zeit nehmen sie affektierte Posen ein oder laufen mit verrenkten Gliedmaßen. Aber auch diese Ausbrüche wirken planlos. Evelin verweigert so ziemlich alle Konventionen des Tanztheaters: Entwicklung, kunstvolle Bewegungen ästhetischer Körper, ja selbst professionelle Beleuchtung. Schuberts Musik: Steht sie für die auch gewaltsam auftretende moderne Zivilisation, die das Andere vernichtet? Ein Kommentar Evelins im Programmheft, der mit der Assoziationskette Schubert-Österreich-Hitler aufwartet, lässt darauf schließen. Am Schluss bleiben Fragezeichen. Gewiss lässt sich die Ausweglosigkeit des Im-Kreis-Laufens mit dem Kampf der Unterdrückten verbinden. Gewiss ist die Frustration, die das unweigerlich bei den Zusehenden auslöst, Programm. Ob das auch für die irgendwann auftretende Langeweile gilt?