Es an den entscheidenden Stellen nicht eilig zu haben, ist eine hohe Kunst. Eine, die man beherrscht - oder nicht. Erlernen lässt sich dieses gekonnte Verweilen schwerlich. Schon gar nicht in sich beschleunigenden Zeiten. Damit das dabei entstehende dynamische Innehalten in der Musik, speziell im Musiktheater, nicht zum lähmenden Stillstand wird, braucht es Substanz. Je gehaltvoller diese ist, desto weiter lässt sich das Auskosten jeder Note ausreizen - ohne dass der Spannungsbogen abreißt. Die fein schillernden Klangflächen, die ein Ton dabei aufzuspannen in der Lage ist, sind enorm.

Gelingt dieses lebendige Auskosten, so knüpft sich in der Oper, vor allem in der des Barock, so etwas wie eine Perlenkette aus Zeitlupenstudien menschlicher Seelenregungen. Jede Szene, jede Arie entpuppt sich dann als präzise Lupe auf eine komplexe Facette menschlicher Regungen. Jede von ihnen wird betrachtet, umkreist, variiert und von einer anderen Seite noch einmal neu beleuchtet. Sehnsucht und Eifersucht, Rache und Triumph, süßes Leid und milder Trost - sie alle finden auch Platz in Händels Oper "Alcina". Der Neuproduktion bei den Salzburger Pfingstfestspielen gelingt es, diese Palette der Emotionen zu jener dichten Kette der Seelenstudien zu verweben.

Zeitlose Oase der Musik

Bei der Premiere im Haus für Mozart am Freitag geriet die Geschichte um die mächtige Zauberin Alcina, die ihre Liebhaber durch Magie an sich bindet und bei der Ankunft des nächsten in Tiere, Pflanzen und Gegenstände verwandelt, zu einer Feierstunde der Musik, die ihre Kraft als Enklave in der Zeit, als eine von allem abgelöste Oase der zeitlosen wie klangschönen Schilderung menschlicher Regungen ausspielen und beweisen konnte.

In vollendeter Form gelang dies dem Counter Philippe Jaroussky, der als getäuschter Ruggiero den Bann Alcinas bricht. Jaroussky kostete jede gesungene Nuance aus und drehte auf ihrem Höhepunkt noch eine feine vokale Pirouette. Er band dabei jede Facette zurück an einen emotionalen Gehalt und ein in eine nie abreißende Entwicklung. Ein Glücksfall seelenvoller Könnerschaft. Ähnlich Intendantin Cecilia Bartoli in der Titelpartie, die sich vor allem in den zarten Arien und den Koloraturen des Finales in ihrer Meisterschaft als berührende wie überzeugende Charakterdarstellerin zeigte.

Dass diese musikalischen Balanceakte und Zerreißproben der Entschleunigung gelangen, dafür sorgte Dirigent Gianluca Capuano. Am Pult der Musiciens du Prince-Monaco formte er nicht nur einen schlanken, präzisen Händel-Klang. Er verhalf jeder der Figuren zu ihrer intimen, glänzenden Zauberstunde: Sandrine Piau, die als Morgana berührte und amüsierte, dem Sängerknaben Sheen Park, der als Oberto bezauberte. Und auch Kristina Hammarström als lyrische Bradamante und Christoph Strehl als Oronte. Ganz den Sängern dienend gab Capuano den Stimmen Raum und trug sie behutsam mit dem zarten und doch vitalen Klang des Orchesters. Zu einer Einheit verschmolz all das durch die feinsinnige Regie von Damiano Michieletto. Er setzte statt auf kitschige (und oft unbeholfene) Zauberwelten auf einfache, aber eindrückliche (teils tänzerische) Mittel, um die Eingeschlossenheit der Verzauberten zu zeigen, die Arien gestaltete er psychologisch subtil und eng an der Musik.

Emotional dicht, klug gebaut und umgesetzt - diese "Alcina" ist ein Glücksfall von Musiktheater, bei dem alle Rädchen in einander greifen, bei dem die Zeit auch für vier Stunden still zu stehen scheint. In seiner unmittelbaren Dringlichkeit wirkt die Produktion dabei wie aus der Zeit gefallen. Das macht sie so heutig.