Anton Pelinka sagte einmal über Jörg Haider, er sei kein Gegner der Großparteien, sondern vielmehr ihr "Übertreiber". Der FPÖ ist es demnach nie darum gegangen ein Korrektiv zu sein, sie wollten immer schon das Gleiche wie die Großparteien und noch ein bisschen mehr. Insofern überraschte mich das Ibiza-Video keineswegs. Jetzt liegt es an den Wählern, zu bestimmen, wie es weitergehen soll. Das Traurige ist ja, dass die Opposition meines Erachtens kein eigenes Narrativ entworfen hat, das zugkräftig ist. Wo bleibt denn bitte der große Gesellschaftentwurf der Linken?

Wie entwerfen Sie Ihre Stücke?

Wir starten immer bei der eigenen Blödheit, Selbstbeobachtung ist für uns elementar. In stundenlangen Gesprächen unternehmen wir Tiefenbohrungen, bei denen es darum geht, den eigenen wunden Punkt zu berühren. Aus dem Wust an Material stellen wir den Text zusammen. Bei der szenischen Umsetzung geht es darum, mit dem Körper die Grenzen der Sprache auszuloten.

Was kann Theater?

Das Theater kann der Realität unter den Rock schauen, kann einer Metaebene nachspüren, die nicht unbedingt kognitiv greifbar ist. Theater ist Verdichtung.

Martin Gruber. - © A. Bitzan
Martin Gruber. - © A. Bitzan

Sie pendeln zwischen Dornbirn und Wien, was bedeutet Ihnen das Spannungsverhältnis zwischen Klein- und Großstadt?

In Vorarlberg habe ich mit Menschen aus verschiedenen Schichten Kontakt, mein gesellschaftlicher Umgang ist diverser, diesen vielfältigen Austausch schätze ich an der Kleinstadt.

Wie sehen Ihre Zukunftspläne aus? Denken Sie nach 30 Jahren in der freien Szene darüber nach, ein Theater zu übernehmen?

Ein eigenes Haus? Warum nicht! Priorität hat für mich aber immer die Kunst, nicht die Institution. Mir scheint, die Zeit ist für so jemanden wie mich noch nicht reif. Die österreichische Theaterlandschaft ist doch sehr strukturkonservativ.

Was meinen Sie damit?

Es gibt hier eine besondere Ehrfurcht vor großen Kultureinrichtungen, vielleicht ist das noch ein Erbe der Monarchie. Die Größe einer Bühne wird mit ihrer künstlerischen Bedeutung gleichgesetzt, was längst nicht immer zutrifft. Mit dem Aktionstheater Ensemble ist es uns gelungen, diese "gläserne Decke" zu durchbrechen. Aber ich würde mir ein anderes kulturpolitisches Selbstverständnis wünschen.

Wie sollte es denn sein?

Die Kunst sollte an erster Stelle stehen. Künstlerische Leistung lassen sich nicht über Institutionen definieren. Förderstrukturen sollten dem Rechnung tragen. Es ist wichtig, dass Laborarbeit, wie wir sie leisten, stärker gefördert wird. Schließlich sollte es doch letztendlich darum gehen, neue Ästhetiken zu entwickeln und spannendes Theater zu machen - egal in welchem Rahmen.