Piotr Beczala hätte die Sterne auch noch ein drittes und viertes Mal leuchten lassen können, man hätte sich nicht abgehört. Das Staatsopern-Publikum hat den polnischen Tenor nach dem ersten "E lucevan le stelle" einfach mittels Applaus am Weitersingen gehindert gehabt. So musste er denn seine Jahrtausend-Arie in dieser "Tosca" wiederholen: voller Schmelz und männlicher Leidenschaft war sie beim ersten Mal gewesen, inniger, spannungsgeladener, noch intensiver beim zweiten Mal. Welch ein Sänger! "Cavaradossi" sollte die Oper heißen...

...wäre nicht Nina Stemme die ideale Verkörperung der Titelrolle: Ganz innig kann sie erklären, sie habe sich nur der Kunst gewidmet, aber in ihren Eifersuchtsausbrüchen im Ersten Akt liegt auch ein Feuer, dass man dieser Frau durchaus glaubt, sie wird zum Messer greifen, wenn ein Scheusal wie dieser Scarpia ihr zu nahe kommt.

Rollendebüt von Carlos Alvarez

Carlos Alvarez als Scarpia. - © Michael Poehn/Wiener Staatsoper
Carlos Alvarez als Scarpia. - © Michael Poehn/Wiener Staatsoper

Carlos Alvarez debütierte in dieser Rolle: Ein Schurke von schwärzester Seele und Stimme. Das ist einer, der seine Bösartigkeit genießt. Das Finale des Ersten Aktes - ein Pandämonium, die Folterungen im Zweiten Akt - eine Hölle der Gewissenskälte. Alvarez' Scarpia ist ein Botschafter des Bösen, wie es keinen zweiten gibt.

Manch ein Opernliebhaber soll ja behaupten, so, wie römische Auguren an Vogelinnereien, am Verhalten des Mesners ablesen zu können, wie denn die ganze Aufführung wird: Schurlt er ganz besonders pfiffig durch die Gegend, wie das Alexandru Moissiuc gemacht hat, dürfte dasdemnach ein gutes Omen sein - nicht zuletzt für die kleineren Rollen: Sorin Coliban (Angelotti), Wolfram Igor Derntl (Spoletta) und Hans Peter Kammerer (Sciarrone) trugen dazu bei, dass diese "Tosca" mehr Thriller als Oper war. Sogar Margarethe Wallmanns Regie aus dem Jahr 1958 macht mit: "Tosca" ist "Tosca" ist "Tosca", und die Absenz von regietheatralischen Kurzlebigkeiten kann man ebenso erfreut anmerken, wie man darum bitten möchte, die Marienstatue im ersten Akt soweit zu fixieren, dass ihr Wackeln keinen Lachanfall auslöst. Das hat Nicola Benois' detailfreudige Ausstattung nicht verdient.

Marco Armiliato am Pult des erstklassig disponierten Staatsopernorchesters (selten im dritten Akt das Horn-Unisono so perfekt gehört!) peitschte Giacomo Puccinis Musik zur Siedehitze auf, wölbte  Spannungsbögen von Nagelkau-Qualität, erinnerte mit brutalen Akzenten und dröhnenden Akkordkaskaden daran, wie modern diese Partitur ist, und unterlegte den Arien mit eine Begleitung, die beharrlich zu den Höhepunkten hinstrebte.

Am Schluss eines Opernereignisses der Sonderklasse standen Ovationen für alle - Repertoire auf Premierenniveau!