Studiert mehr denn je: Myung-Whun Chung. - © afp/Pierre Verdy
Studiert mehr denn je: Myung-Whun Chung. - © afp/Pierre Verdy

Wien. Die letzte Staatsopernpremiere der Saison liegt in erfahrenen Händen: Myung-Whun Chung hat in seinen 66 Lebensjahren etliche Verdi-Abende dirigiert. Diesen Donnerstag wird der gebürtige Südkoreaner einen neuen "Otello" aus der Taufe heben; die Regie verantwortet Adrian Noble. Im Gespräch erzählt der Dirigent mit dem sanften Auftreten, wieso er sich ungern als Profi-Musiker sieht und warum er - nach Jahren als Chefdirigent in Seoul und an der Pariser Bastille-Oper - gern im Herbst des Lebens angekommen ist.

"Wiener Zeitung": Seit Ihrem Debüt an der Wiener Staatsoper 2011 haben Sie hier nur Verdi dirigiert. Haben Sie eine Art Abo für den italienischen Komponisten?

Myung-Whun Chung: Nein, es gab auch Pläne für Wagner, die ich aber zurücklegen musste. Es stimmt allerdings, dass ich eine besondere Liebe für Verdi hege. Und je älter ich werde, desto mehr neige ich dazu, nur noch das zu tun, was ich wirklich schätze.

Sie sagten einmal, Verdi sei Ihr "Schicksal".

Ich habe jedenfalls viel Zeit mit ihm verbracht. Vor 30 Jahren habe ich meinen ersten "Otello" geleitet, damals mit Plácido Domingo in der Hauptrolle. Ich denke, dass ich Verdi über die Jahre sehr nahe gekommen bin. Er zählt zu jenen Persönlichkeiten, die als Mensch noch bedeutender waren denn als Künstler. Man kann das nicht von jedem Kreativen sagen, bei Verdi ist es aber der Fall. Ich habe jenes Heim für alternde Musiker besucht, das er in Mailand bauen ließ: ein wundervoller Ort mit glücklichen Menschen; der Geist des Stifters ist immer noch lebendig. Für mich ist dieses Haus Verdis größtes Vermächtnis, mehr als sein "Falstaff". Man spürt eine pure, unkomplizierte Menschlichkeit; sie durchdringt auch seine Musik und gibt ihr eine spezielle Kraft.

Beeinflusst Sie das auch beim Dirigieren?

Sehr. Wir Interpreten haben ja den Job, Musik zum Leben zu erwecken. Die erste Aufgabe ist dabei natürlich, alles korrekt zu spielen, damit es gut klingt. Das bekommt aber jeder mit einem gewissen Training hin. Was viel schwerer zu bewerkstelligen ist und Zeit braucht, ist, die geistige Essenz eines Komponisten und seiner Stücke zu erfassen. Erfahrung, Alter und ein kontinuierliches Studium sind mir dabei eine Hilfe. Die Behauptung, ein Dirigent fange erst im Alter von 60 Jahren richtig an, ist in gewisser Weise wahr. In dem Sinn würde auch ich sagen: Jetzt bin ich ein Dirigent. Ich bin zu einer Arbeitsweise gekommen, die sich mehr auf die geistige und menschliche Natur des Musizierens richtet als auf die intellektuelle, technische und professionelle Seite. "Professionell" ist nach meiner Ansicht ein sehr gefährliches Wort, für jeden Künstler.