Zumindest einmal wurde es aufregend an diesem Premierenabend. Regentropfen prasselten zu Boden, Hagelkörner kullerten herum, Blitze zuckten, Donner grollte: fulminante Aussichten. Nur leider hatte dieses Spektakel bloß am Rande etwas mit der letzten Staatsopernnovität der Saison zu tun: Es war als Naturschauspiel während der Pause im Freien zu besichtigen. Man nahm es dankbar zur Kenntnis, bot die Bühne am Donnerstag doch eher Blasses.

Regisseur Adrian Noble hat den "Otello" weniger in Szene als in den Sand der Irrelevanz gesetzt. Der Brite, der hier "Hänsel und Gretel" als Naschwerk für Kinderaugen realisiert hat (mit gähnendem Mond!), peilt auch beim "Otello" eher schöne Aussichten als ein stringentes Konzept an. Zwar verlautet das Programmheft, die Verdi-Oper sei an den Beginn des 20. Jahrhunderts verlegt worden; am Handlungsort Zypern seien damals die Hassfunken geflogen zwischen den westlichen Besatzern und einer teils muslimischen Bevölkerung. Dieser Ansatz wirkt aber wenig sachdienlich für ein Eifersuchtsdrama, und er bleibt dann auch weitgehend bühnenfern. Stimmt zwar: In der Trinkszene bezieht ein bärtiger, armer Teufel im Hintergrund mächtig Prügel. Abgesehen davon spult Noble aber die Handlung ab, wie sie im Buche steht, und umsäumt das Geschehen mit gefälligem Blickfutter: Ein Kinderchor wirft, in Matrosenhemden angetan, mit Blütenblättern um sich, das Ehebett von Desdemona und Otello wird von einem Kerzenmeer umflackert (Ausstattung: Dick Bird). Dazu setzt es ein paar abstrakte Wände: Dass nur keiner sage, hier sei altvaterisch inszeniert worden.

Hölzerne Gesten

Diese Ummantelung würde man hinnehmen, besäße das Schauspiel einen Hauch Glaubwürdigkeit. Nur leider: Die Sänger bedienen sich an einem Klischeebaukasten der Opernposen. In der Chorszene des dritten Akts wirkt das Personal so starr aufgestellt wie ein Haufen Legomännchen: Da erstickt jede Spannung. Es grenzt an ein Wunder, dass dieser Otello noch genug Bewegungsenergie aufbringt, um seinen Mordplan umzusetzen.

Dabei ist der "Mohr" hier kein Schwarzer. Die Regie hat Otello nicht in dunkle Schminke getunkt, sondern dezent Migrationshintergrund angedeutet. Dieser Mann trägt Kaftan. Klar: Damit erspart sich Noble in Zeiten der Political Correctness die "Blackfacing"-Kritik. Es stellt sich aber schon die Frage: Wieso kleidet sich ein venezianischer General - der zwar aus dem Ausland stammt, aber von einem mächtigen Integrationswillen getrieben ist - nicht in der Tracht seiner Wahlheimat? Sondern im Gewand seiner heutigen Feinde?

Aleksandrs Antonenko singt den Otello auf Biegen und Brechen: Der Lette schleudert seine Attacken wie Pfeile heraus, die Konsonanten rattern wie Gewehrsalven. Lyrische Noten liegen aber jenseits seiner Komfortzone, auch der Spitzentonbereich ist nicht der seine. Dort ist Olga Bezsmertna besser aufgehoben, und sie besitzt auch Piano-Balsam. Zwar sind dem Stimmglanz dieser Desdemona Grenzen gesetzt, nicht aber ihrer Verlässlichkeit und Präzision. Der Ränkeschmied Jago beschert einen Widerspruch: So bieder Vladislav Sulimsky in seiner Uniform aussieht, besitzt er doch die nötige Baritonschwärze für die Schurkenrolle. Leonardo Navarro (Roderigo) und Jinxu Xiahou (Cassio) ergänzen die Besetzung anstandslos.

Myung-Whun Chung drückt dem mäßigen Abend zumindest einen markanten Stempel auf: Der Dirigent aus Südkorea lässt den Klangstrom gern geschmeidig und sanft fließen, peitscht das Geschehen aber des Öfteren zu radikalen Fortissimo-Wellen auf. Zuletzt dürfen sich alle Beteiligten im Beifall sonnen, getrübt nur von einem einsamen, monotonen Regie-Buhrufer. Der Premierenreigen der Wiener Staatsoper ist am Ende.