Viele seiner Art gibt es nicht. Diese Gattung Schauspieler, die keine laute Star-Exzentrik praktizieren. Die in jede Rolle mit einer Selbstverständlichkeit eintauchen, ob distinguiert oder der Lächerlichkeit preisgegeben. Peter Matic war so ein Schauspieler, auf den Verlass war.
Verlass darauf, dass man dem Vielspieler in jeder Saison in einer Vielzahl von Stücken begegnen würde. Verlass darauf, dass er, mag eine Inszenierung noch so banal oder verrückt sein, ihr mit stiller Kraft Würde verlieh. Verlass auch darauf, dass man die Stimme von Peter Matic immer erkennen würde. Nicht nur, weil er sie recht flächendeckend einsetzte – nicht nur im Theater, sondern auch im Radio, als Off-Sprecher im Fernsehen und am breitenwirksamsten natürlich als Synchronsprecher für den Hollywoodstar Ben Kingsley.
Seine Emsigkeit verdeutlichen beeindrucken Zahlen: In den 25 Jahren, die er seit 1994 Burgtheater-Ensemblemitglied war, verkörperte Matic dort 85 Rollen. Kein Wunder, wenn Kollegen ihn als absoluten Vollprofi bewunderten.

Eine Stimme für Proust

Geboren wurde Matic am 24. März 1937. Nach einer privaten Schauspielausbildung bei Dorothea Neff war er zunächst am Theater in der Josefstadt engagiert, bevor Stationen in Basel und München folgten. An den Staatlichen Schauspielbühnen Berlins etablierte er sich später als einer der Stars des Schillertheater-Ensembles. 1994 kam Matic schließlich an das Burgtheater. Er arbeitete mit klingenden Namen wie Giorgio Strehler, Adolf Dresen, George Tabori, Dieter Giesing, Georg Schmiedleitner, Andrea Breth, Barbara Frey und Leander Haußmann zusammen. Daneben war Matic, der sich seit 2006 Kammerschauspieler nennen durfte, in Wien regelmäßig an der Volks- und der Staatsoper. Auch im Fernsehen war Matic oft zu sehen, erst vor kurzem im österreichischen "Tatort: Wahre Lügen", wo er einen Informanten über illegale Waffengeschäfte und brisante Polit-Deals spielte.
Seine Stimme stand naturgemäß auch im Mittelpunkt vieler Hörspiel- und Hörbuchprojekte. Das ambitionierteste davon war sicher Marcel Prousts Monumentalwerk "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit", das 2010 zum "Hörbuch des Jahres" gekürt und 2011 mit dem "Preis der deutschen Schallplattenkritik" ausgezeichnet wurde.

Zähe Zerbrechlichkeit

Am Burgtheater war er zuletzt unter anderem in Ödön von Horvaths "Glaube Liebe Hoffnung" und in Joseph Roths "Hiob" zu sehen. Am kommenden Dienstag wollte sich Matic in der letzten Vorstellung von Nestroys "Liebesgeschichten und Heiratssachen" – er spielte eine Art abgerockten Hell‘s Angel in Ledergilet, das seine zähe körperliche Zerbrechlichkeit noch unterstrich – vom Publikum verabschieden und sich mit 82 Jahren in den wohlverdienten Ruhestand zurückziehen. Wobei, so ruhig wäre der auch wieder nicht gewesen, im Sommer wäre Matic bei den Festspielen Reichenau wieder auf der Bühne gestanden.
Dazu kommt es nicht mehr. Am Donnerstag ist Peter Matic überraschend gestorben. Seine freundliche Ausstrahlung, seine unberechtigte Bescheidenheit, seine Kultiviertheit alter Schule und seine einzigartige Stimme werden fehlen.