Es sind heute sehr viele Jugendliche gekommen. Das frisch renovierte Theater im Herzen der kubanischen Hauptstadt ist ausverkauft. Man gibt "El lago de los cisnes", Schwanensee. Dieses Ballett lässt sich nur entgehen, wer krank ist oder dem Spitzentanz so gar nichts abgewinnen kann. Denn die Choreografie stammt heute - Kuba im Jahr 2019 - von Alicia Alonso, nach der das ganze Theater benannt ist: Gran Theatro de la Habana Alicia Alonso.

Alicia, wie sie von der halben Nation und vor allem von den Mitarbeitern und Freunden des Theaters, gerufen wird, ist "Dirección General", Generaldirektorin der ersten Bühne des Landes. Und sie ist 98 Jahre alt. Geboren in Havanna, in einer anderen Zeit.

Wie ist das möglich? Man muss ein bisschen zurückschauen, um das Phänomen Alicia Alonso zu verstehen, dieser Nationalheiligen der kubanischen Kultur.

Tänzerin bis in den Tod: Alicia Alonso. - © Marcelino Vazquez/Pedro Simon/BNC
Tänzerin bis in den Tod: Alicia Alonso. - © Marcelino Vazquez/Pedro Simon/BNC

Schon 1931, mit elf Jahren, beginnt ihre sagenhafte Karriere. Damals noch in ganz anderen Umständen und politischen Verhältnissen und unter ihrem Mädchennamen. Sie ist Ballettelevin in der Escuela de Ballet de la Sociedad Pro Arte Musical in Havanna, lernt beim russischen Emigranten Nikolai Yavorsky und tritt im Teatro Auditorium auf.

Dann, ab 1937 geht es so richtig los: Sie wird an den Broadway in New York engagiert und tanzt und tanzt und tanzt. Sie trainiert an der School of American Ballet, dann in London bei der Exilrussin Vera Volkova.

Und sie erblindet fast. Es wird eine Netzhautablösung festgestellt, sie ist erst 20, sie muss sich behandeln lassen. Doch nach der Operation fängt das Martyrium erst an - drei Monate ganz ruhig im Bett liegen, keine Bewegungen machen, kein Tanz. Sie kann nur die Zehen und die Füße bewegen, also trainiert sie wenigstens so. "Keeping my feet alive" nennt sie diese Übungen in Interviews.

Doch dann die traurige Gewissheit: Der Eingriff hat nicht viel geholfen. Später wird sie die Operation wiederholen, und dann, in Havanna noch ein drittes Mal, wieder bewegungslos im Bett, diesmal für ein ganzes Jahr und doch alles nur mit zweifelhaftem Erfolg. Sie wird ihr ganzes Künstlerleben lang etwas undeutlich sehen, "wie in einem Nebel", doch sie macht unbeirrt weiter, bei manchen Aufführungen werden Seile zur Begrenzung und Orientierung gespannt, oftmals müssen die Scheinwerfer ordentlich aufgedreht werden, um genügend Raumwahrnehmung zu ermöglichen.

1943, zurück in New York City, springt sie im Ballet Theatre für die verletzte Primaballerina Alicia Markova ein und tanzt Giselle. Sie schwebt wie ein Engel und setzt die Pirouetten und sie interpretiert Giselle so erstaunlich, dass die Stadt begeistert ist. A star is born.