Die Theorie des Lehrstücks war nicht über viele Seiten ausgearbeitet. Es gibt keinen großen Essay von Brecht dazu. Er hinterließ eine Reihe von theoretischen und poetischen Fragmenten, hier ein Satz und da zwei Sätze oder eine Seite. Steinweg, der am 29. Juni 80 wird, hat sämtliche Äußerungen von Brecht und seinen Mitarbeitern dazu zusammengetragen und den Band "Brechts Modell der Lehrstücke - Zeugnisse, Diskussion, Erfahrungen" 1976 in der Edition Suhrkamp herausgegeben.

Hinterließ eine Reihe von Fragmenten zur Theorie des Lehrstücks: Bertolt Brecht, 1954. - © Archiv
Hinterließ eine Reihe von Fragmenten zur Theorie des Lehrstücks: Bertolt Brecht, 1954. - © Archiv

Seine Pionierarbeit besteht einerseits darin, das Lehrstück als Typus sowie das zugrunde liegende Theorem überhaupt erst sichtbar gemacht zu haben, und nachzuweisen, dass es wirklich ein eigenes Genre ist.

"Bei ‚Mutter Courage und ihre Kinder‘ (1938) oder ‚Leben des Galilei‘ (1939) bemerkt man schon beim Lesen eine eindrucksvolle Gestaltung der Personen. Das fällt im Lehrstück völlig weg, weil es zwar Rollen gibt, aber die Hauptfigur ist der Spieler - und in jedem Spielversuch entsteht eine völlig anders geartete Hauptfigur. Damit das möglich wird, sind die Umrisse der Figuren in der literarischen Vorlage mit Absicht karg gehalten, nicht fein ausgemalt, sie weisen kein reiches psychisches Innenleben auf. Sie sind beschränkt auf einige wenige Grundzüge. Dadurch entsteht gewissermaßen Platz für die Spieler, für ihre persönlichen Erfahrungen. Weil die Grundregel nicht im Blick war, wurden die Texte meist als ,abstraktes Zeug‘ abgetan", beschreibt Steinweg das Lehrstück-Modell - und fügt hinzu: "Brecht hat als einziger Schriftsteller damals der Selbstreflexion im sozialen und politischen Kontext eine literarische Form geboten. Das ist eine beachtliche Leistung."

Andererseits hat der Brecht-Forscher offensichtlich die Literaturwissenschaft zum Umdenken bewogen. Steinweg schrieb seine Doktorarbeit über "Brechts Theorie der Lehrstücke. Ein Theorie-Praxis-Modell" und wurde 1969 promoviert. Er hatte Glück: Die Studentenbewegung war bereits in vollem Gang, sodass die Lehrstück-Grundthese auf fruchtbaren Boden fiel. 1971 widmete die Literaturwissenschafterin Hildegard Brenner, Herausgeberin der deutschen Literatur-Zeitschrift "Alternative", dem Thema ein Heft.

Revolutionäre "Diss"

Dadurch erfuhr dann auch die ein Jahr später unter dem Titel "Das Lehrstück. Brechts Theorie einer politisch-ästhetischen Erziehung" publizierte Dissertation von Steinweg erstaunliche Aufmerksamkeit: Das Buch erschien nach vier Jahren in zweiter Auflage und blieb rund 25 Jahre auf dem Markt. Es war eine Revolution in der Brecht-Forschung und hatte großen Einfluss auf die Entwicklung der Theaterpädagogik. Viele Menschen haben daraufhin versucht, Brechts Lehrstücktheorie in die Praxis umzusetzen: Paul Binnerts (Amsterdam) und Hans Martin Ritter (West-Berlin) sowie Benno Besson (Ost-Berlin) gehörten zu den Vorreitern.

Die Lehrstückpraxis, die Reiner Steinweg anschließend selbst entwickelte, entstand im Kontext der Friedensforschung, für die er ab 1971 ein zweites Studium absolvierte: Sozialwissenschaften - "von der Pike auf", wie er sagt. Seinem zehn Jahre später durchgeführten Forschungsprojekt zur Umsetzung der Lehrstück-Theorie lag die Frage zugrunde: Lässt sich dieser Stücktypus für die Reflexion von Gewalt in kleinen Gruppen nutzen? "Das ist für mich eine zentrale Frage als Friedensforscher - denn es ist unbestreitbar, dass Hitler ohne die große Gewaltneigung oder geradezu Idealisierung von Gewalt in der deutschen Gesellschaft der 20er und 30er Jahre keine Chance gehabt hätte."