Reiner Steinweg suchte nach einer Methode, "wie man Gruppen von insbesondere, aber nicht nur jungen Menschen, ohne ihnen etwas überzustülpen oder sie zu belehren, dazu bewegen kann, sich mit der Frage auseinanderzusetzen: ‚Wo neige ich zur Gewalt, was sind die Folgen, und wie kann ich persönlich dazu beitragen, Gewaltstrukturen aufzulösen?‘ Und das auf lustvoll-spannende und unterhaltsame Weise - das war die Idee".

Die eigentliche literarische Lehrstück-Form lag mit der "Maßnahme" ab dem Winter 1930/31 in vollendeter Form vor. Zu einem Zeitpunkt also, als Sigmund Freud die Psychoanalyse und die Traumdeutung begründet hatte; dieser erörterte 1932 in einem Briefwechsel mit Albert Einstein auf Anregung des Völkerbundes die Möglichkeiten der Wissenschaft, Kriege zu verhindern: "Warum Krieg?"

War Brecht seiner Zeit voraus? Sein Lehrstück-Ansatz weist gewisse Parallelen mit dem "Psychodrama" von Jakob Levy Moreno (1889-1974) auf. "Nur dass sich Moreno auf die psychischen Komponenten konzentrierte, während Brecht die Haltungen interessierten, wie man im sozialen Kontext miteinander umgeht - und wie man das selbstbewusst und in Eigenregie optimieren kann", so Steinweg.

Bert Brecht hatte zum Lehrstück notiert: "Wenn einer am Morgen einen Verrat ausüben will, dann geht er am Morgen in das Pädagogium und spielt die Szene durch, in der ein Verrat ausgeübt wird." Das "Pädagogium" dachte sich Brecht als ein Haus, in dem man Menschen findet, die mit interessierten Laien - Jugendlichen, Arbeitern oder Angestellten - Lehrstück-Szenen spielen. Man probiert Gedanken praktisch aus, erkundet die eigene Haltung, experimentiert spielend damit, testet sie vorher - "vielleicht begeht der Betreffende dann ja keinen Verrat", spitzt es Steinweg zu. Man kann rechtzeitig vorab praktisch prüfen: "Was bewirke ich mit meinem Vorhaben, wenn ich es umsetze?", das war Brechts Grundidee vom Lehrstück.

Er selbst konnte mit diesem Modell nicht experimentieren, weil das der Nationalsozialismus und später die in der DDR verfolgte Linie des Kommunismus verhindert haben. Der Anlass dafür war, dass die "Maßnahme" sich mit den Methoden der kommunistischen Agitation auseinandersetzt. Aber der eigentliche Grund war wohl die Tatsache, dass das Lehrstückspiel im Sinne Brechts ohne Äußerungsfreiheit nicht möglich ist.

Protokoll eines Versuchs

Immerhin gab es 1931 einen Versuch mit dem "Jasager" an der Karl-Marx-Schule in Neukölln in Berlin. Brecht hat die dortigen Schüler nach ihren Reaktionen befragt, ein Protokoll davon angefertigt und veröffentlicht - ohne Zensur. Allemal revolutionär für die damalige Zeit, denn Schüler wurden plötzlich ernst genommen.

"Nur in einem Punkt unterscheidet sich meine Methode deutlich von Brecht: Er war immer der Meinung, zum Lehrstück gehöre Musik. Das habe ich bisher nicht organisieren können, ich würde es gerne, aber es ist ein Riesenaufwand", sagt Steinweg.