Wien. Wenn ein Kulturjournalist in den Nullerjahren ein knackiges Statement brauchte, war es leicht zu ergattern: durch einen Anruf bei Ioan Holender. Der Langzeitdirektor der Wiener Staatsoper war nicht nur mit hoher Sachkenntnis beschlagen, er galt auch als Kommentator, der im doppelten Sinn treffend formulierte.

Solche Sätze schwirren längst nicht mehr durch das Haus. Seit 2010 thront Dominique Meyer im Direktorentrakt, und der Elsässer, der seine Laufbahn in der Politik begonnen hat, äußert sich diplomatisch sanft. Worte, die sich nur beschränkt für Schlagzeilen eignen, dem Haus aber einen Dienst erweisen - nämlich ein gedeihliches Betriebsklima fördern.

Eine Befriedung

Seit Freitagabend ist bekannt, dass Meyer 2021, ein Jahr nach Ablauf seines Wiener Vertrags, als Leiter an die Mailänder Scala wechseln wird. Beim Verlassen Österreichs wird er sich gewisser Meriten rühmen dürfen. Der einstige Konflikt mit den Herren im Graben, die als Wiener Philharmoniker gern reisen? Unter Meyer beigelegt. Breitseiten gegen zickige Gaststars, Konkurrenten oder den Geldgeber Bund? Aus der Direktion des Franzosen nicht zu hören. Meyers sanfte Verbindlichkeit, seine Neigung zu dankbaren Gesten haben ein Klima der Gemeinschaftlichkeit befördert - unter Künstlern, aber auch im Publikum. Letzteres beschert dem Haus regelmäßig Einnahmenrekorde und stellare Auslastungszahlen: Im April rangierte der Wert bei 99,21 Prozent. Sollte diese Gunst nicht durch einen Akt höherer Gewalt schwinden, hinterlässt Meyer seinem Nachfolger Bogdan Roščić einen Finanzpuffer von 16 Millionen Euro.

Wobei Meyer am liebsten sein eigener Nachfolger geworden wäre, den Operntanker gern noch weiter gesteuert hätte. Der Bund nützte die Neuausschreibung für das Jahr 2020 jedoch zu einem Kurswechsel und kürte den Überraschungsmann Roščić, der bisher am Tonträgermarkt reüssiert hat. Eine umstrittene Wahl, die auch Ironie barg: Der entscheidende Minister Thomas Drozda hielt sich (neuwahlbedingt) selbst nur ein Jahr im Amt.

Aus heiterem Himmel kam der Veränderungswille aber nicht. So glanzvoll sich die Zahlen der Staatsoper lesen, so glamourös (manche) Sängernamen, kann sich das Haus keiner goldenen Hand bei der Regie-Auswahl rühmen. Kaum eine Neuproduktion seit 2010, die einhellig Lob erheischt hätte, dafür reichlich Mittelmaß und mancher Reinfall. Natürlich: Vor Künstlerpech ist niemand gefeit. Wenn ein Regisseur aber schon sein Hausdebüt in den Sand setzt, müsste daraus nicht unbedingt eine weiterführende Partnerschaft erwachsen. Dabei geht es nicht darum, ob eine Regie "modern" oder "konservativ" gearbeitet ist. Sie müsste nur Lust an Aussagekraft besitzen.

Mailänder Eskalationsfunken

In Mailand wird Meyer jedenfalls als Diplomat am rechten Platz sein: Personalfragen werden hier ähnlich zornesbereit erörtert wie in Wien. Zudem rasseln allerdings Gewerkschaften mit Streiksäbeln, und das Publikum gilt als ausbruchbereiter Buh-Vesuv.

Die letzten Mailänder Misslichkeiten liegen nur Tage zurück. Der Aufsichtsrat hatte bekannt gegeben, dass der bisherige Intendant Alexander Pereira keine weitere Amtszeit erhält. Prompt sagte Opernweltstar Cecilia Bartoli ihre Scala-Termine ab und traf das Opernhaus ins Mark, zudem demonstrierten Mitarbeiter für Pereiras Verbleib. Freitagabend wurde ein sanfter Übergang beschlossen: Pereiras Vertrag, bis 2020 gültig, wird um ein Jahr verlängert, danach folgt Meyer.

Ihm wäre es künftig zuzutrauen, solcher Eskalationsfunken Herr zu werden. Einen schmeichelhaften Satz aus seiner Wiener Zeit könnte er am neuen Dienstort getrost weiterverwenden: Dass an diesem Opernhaus "ein Feuer der Leidenschaft brennt".