Rudolf Nurejew war diesmal nicht der Mittelpunkt der Gala zum Saisonabschluss. Das Fest hat den Solistinnen und Solisten gehört. Sie begeisterten samt den Gaststars in zwölf Pas de deux, viele davon für Wien ganz neu. Auch Ballettchef Manuel Legris wurde für seinen Auftritt gefeiert. In Ausschnitten aus dem Repertoire hat das formidable Corps de ballet brilliert.

Pas de deux erzählen immer von einer Beziehung. Liebe und Eifersucht, Streit und Versöhnung, Machtkampf und Verführung haben diesen Galaabend mit Sinnlichkeit und Erotik aufgeheizt. Nina Tonoli und Jakob Feyferlik beeindruckten in der jüngsten Choreografie von Ensemblemitglied András Lukács zur schwülen Filmmusik von Max Richter; Alice Firenze und Eno Peci verwickelten sich in einen wilden Kampf, den Mauro Bigonzetti zu feuriger italienischer Musik (Gruppe "Assurd") choreografiert hat, und Olga Esina lehrte als Bella in Roland Petits "Fledermaus" ihren Mann Johann (Vladimir Shishov), wo die Liebe zuhause ist; mit Roman Lazik in Hans van Manens "Trois Gnossienne" konnte sie beweisen, dass auch kaltes Eis glühen kann.

Mit einem Paar, dessen Liebe unerfüllt bleibt fasziniert Patrick de Bana in "Ochiba" (Uraufführung von Olga Smirnova und Manuel Legris heuer in Tokyo). In dem für Legris choreografierten Pas de deux tanzen Nina Poláková und Legris isoliert, berühren einander nicht, und dennoch entsteht eine spürbare sinnliche Spannung. Ketevan Papava hat im Solo "Fanny Elßlers Cachucha" mit blitzenden Augen, berückendem Lächeln und ihrem biegsamen Körper keinen Partner nötig gehabt, um das gesamte Publikum zu verführen.

Mit Rudolf Nurejews Pas de deux aus "Schwanensee" (Odile: Kiyoka Hashimoto, Siegfried: Leonardo Basilio), "Dornröschen" ein Solo mit dem jungen Tänzer Navrin Turnbull, der nach der Vorstellung mit dem Avancement zum Halbsolisten belohnt worden ist, und "Romeo und Julia" (Ioanna Avraam / Robert Gabdullin) wurde der Abend seinem Titel gerecht.

Anastasia Nuikina, zum ersten Mal in Wien, und das Showtalent Kimin Kim ernteten tosenden Beifall für ihren "Talisman Pas de deux", herausgelöst aus einem Ballett von Marius Petipa und von Pjotr Gussew 1955 neu choreografiert. Ebenfalls von Gussew ist der "Esmeralda Pas de deux" , mit dem sich Young Gyu Choi, Principal Dancer im Dutch National Ballet, in Wien vorgestellt hat. Seine Partnerin Liudmila Konovalova zeigte, dass man das Tamburin auch mit Knie und Ferse schlagen kann. Erfolgreich waren auch Madison Young (die Corpstänzerin wurde nach der Vorstellung zur Solotänzerin ernannt) mit James Stephens und Natascha Mair mit Davide Dato und dem exakt tanzenden Ensemble im Ausschnitt aus William Forsythes "Artifact Suite" (Repertoire). Das Finale von "Coppélia" mit Natascha Mair und Jakob Feyferlik sowie der gesamte letzte Akt von Legris "Sylvia" in der Premierenbesetzung und Géraud Wielick als virilen Gott der Liebe, gaben zwar auch dem Ensemble Gelegenheit den verdienten Applaus zu ernten, zogen jedoch den flirrenden Abend unnötig in Länge. Lebhaft, mit stets liebevollem Blick auf die Bühne wurde er von Kevin Rhodes als Dirigent des Staatsopernorchesters begleitet.