Rot leuchtet die japanische Sonne über den 41 toten Kriegern. Gemeinsam haben sie sich das Schwert in die Seite gestoßen und Seppuku, den rituelle Selbstmord begangen.

Das spektakuläre Finale eines blutigen Rachefeldzuges der Ronin, der herrenlosen Samurai, und zugleich des Balletts "The Kabuki", das an drei Abenden als Gastspiel des Tokyo Ballet in der Staatsoper gezeigt wird. Maurice Béjart hat "The Kabuki" 1968 für das eben erst gegründete (Tchaikovsky Memorial) Tokyo Ballet geschaffen. Toshiro Mayuzumi, 1997 gestorben, hat die Musik dazu komponiert.

Béjart orientiert sich an den Spielformen des japanischen Kabuki-Theaters, in dem Tanz, Pantomime, Gesang und farbenprächtigen Kostüme das Publikum begeistern. Mayuzumi und Kostüm- und Bühnenbildner Nuno Côrte-Real sind mit ihm einig.

Deutlich zeigt Béjart die sogenannte "Mie", eine charakteristische Pose, die Darsteller für Sekunden einfrieren lässt, sodass die Figur genau studiert werden kann und Gelegenheit zu Applaus und Hochrufen gibt. Auch die im Profil tänzelnden Damen, den Kopf schief haltend und den Oberkörper in einem schrägen Knicks zur Seite biegend, verwendet Béjart in seiner Choreografie.

Die Handlung beginnt heute in Japan. In einer Disco tanzen junge Männer im Licht der Bildschirme. Der Anführer, ein verträumter junger Mann, findet ein altes Schwert, und während aus dem Off ein Gedicht gesungen wird, gleitet er in die Vergangenheit und beobachtet den Beginn des Dramas der Samurai - einer in der japanischen Kultur verankerten Geschichte aus dem 18. Jahrhundert. Kann der junge Mann aus der Zukunft anfangs die komplizierte Handlung noch von außen betrachten, wird er bald selbst darin verwickelt und muss die Rolle von Yuranosuke, des obersten Gefolgsmannes von Fürst Enya Hangan, übernehmen. Enya ist von Moroni beleidigt worden und hat diesen angegriffen. Die Strafe ist hart: Seppuku. Der Geist Enyas besucht Yuranosuke, um ihn zur Rache anzustacheln, hält den Discojüngling für seinen Samurai. Mit einem Blutfleck am Herzen führt er den Rachefeldzug der Ronin an.

Spitzentanz von Ueno. - © Stop/A. Taylor
Spitzentanz von Ueno. - © Stop/A. Taylor

Exotisches Abenteuer

Dan Tsukamoto tanzt diese Doppelrolle seit vielen Jahren. Damit erscheint er auch stilistisch, mit Béjarts und dem traditionellen japanischen Bewegungsvokabular, als Bindeglied zwischen Europa und Japan. Dass er, nahezu ständig auf der Bühne, am Ende mit frenetischem Applaus bedacht worden ist, verwundert nicht, auch wenn Béjart den japanischen Tänzerinnen und Tänzern in Solos und Pas de deux keine großen Schwierigkeiten zugemutet hat. Die Damen tanzen auf Spitze oder trippeln auf flachen Füßen, lieblich geneigt, über die Bühne. Die traditionelle Schminke lässt ihre zarten Gesichter wie Porzellan leuchten. Die rachedurstigen Ronin wirbeln durch die Luft und springen durch Papierwände, recken die Fäuste wie exakt funktionierende Maschinen. Auch wenn die in neun Szenen erzählte Geschichte komplex und die japanische Musik befremdlich ist, Gesang und rituelle Gesten kaum verständlich sind, ist mit "The Kabuki" doch ein farbenprächtiges, exotisches Abenteuer zu erleben. Der Schlussapplaus zeigte die Begeisterung des Publikums im (zumindest zu Beginn) vollen Haus.