"Ich bin in ihrer Hand. Machen Sie mit mir, was sie wollen". Aus dem Munde Julia Stembergers entweicht der aus tausend Liebesromanen bekannte Schrei in professioneller Perfektion. Doch berührt wenig in Hermann Beils Inszenierung von Iwan Turgenjews "Ein Monat auf dem Lande" bei den Reichenau-Festspielen. Szenenapplaus nur für eine Brettlnummer, in der ein dummer Bauer in eine feine Gesellschaft stolpert. Fünf schöne Frauenrollen sichern diesem Konversationsjuwel noch immer ein Bühnenleben. Voran die von ihrem Gatten vernachlässigte Gutsbesitzergattin Natalja. Sie verliert ihren Hausfreund Rakitin und zwingt den angehimmelten jungen Hauslehrer Beljajew, aus der Peinlichkeit zu fliehen.

Dieser 20-Jährige kippt in nur fünf Tagen das beschauliche Gleichgewicht am Gut. Auch die Liebe von Werotschka, Nataljas Pflegekind, wächst ihm zu, ohne dass er was dazutut. In der Konkurrenz mit ihrer Wohltäterin, die ihre Anhänglichkeit schamlos ausnützt, sei sie erwachsen, eine Frau geworden, sagt die 17-Jährige. Doch ihre neue Selbstgewissheit wird sie in der Ehe mit einem reichen Landtölpel verschenken.

Frauen unter sich: Julia Stemberger und Maria Schuchter - © FR/Dimo Dimov
Frauen unter sich: Julia Stemberger und Maria Schuchter - © FR/Dimo Dimov

Von Beljajew wird gesagt, dass er erst 28 Tage im Haus sei, also "einen Monat auf dem Lande". Er verkörpert das Erweckungs- und Zerstörungspotenzial der nichtadeligen Intelligenz gegen die "überflüssigen Menschen". So werden in russischen Romanen Adelige genannt, die im Ausland ausgebildet oder daheim verzogen wurden und sich nur langweilen. Turgenjew - er hat dieselben Lebensdaten wie Karl Marx - bremst seine Zukunftshoffnungen mit Skepsis. Indem der Gutsherr in sinnvoller Mühe die Landwirtschaft verbessert, verliert er aristokratische Eleganz und seine Frau.

Amour fou: Julia Stemberger, Tobias Reinthaller. - © FR/Dimo Dimov
Amour fou: Julia Stemberger, Tobias Reinthaller. - © FR/Dimo Dimov

Liebe und Ehe: ein Versorgungsgeschäft

Julia Stemberger beginnt herrisch laut. Eine Dame durch und durch, sogar wenn sie sich vor dem Angebeteten auf den Boden wirft. Die ausgeholzte DDR-Übersetzung lässt ihr wenig Zeit für das Wachsen von Gefühlen und noch weniger Raum für emotionale Tiefe. Ihr Kostüm in Eierschalenweiß von Erika Navas ist das allerkleidsamste. Auch Elisabeth Augustin, als Schwiegermutter in Witwenschwarz zur Tempelsäule von Noblesse erstarrt, blieb zu wenig Text. Maria Schuchter als Pflegetochter gelingt der Ton romantischer Verliebtheit und die Wende aus der Unmündigkeit heraus bravourös. In der satirisch zugespitzten Werbung des Arztes (David Oberkogler) um die Hausdame Jelisaweta (Chris Pichler) kommt die tröge Version "nichtadeliger Intelligenz" zu Wort. Liebe und Ehe: nur ein Versorgungsgeschäft. Den unmöglichen Nachbarn (Nicolaus Hagg), für den er brautwirbt, empfiehlt er wegen der "323 Seelen", das sind Leibeigene.

Den Studenten Beljajew zeichnete Turgenjew mit wenig Funken von Geist. Tobias Reinthaller hat die Statur eines Leistungsschwimmers und die nötige Ruhe im Auge des Gefühlorkans. Der Langzeithausgast Rakitin ist laut Buch gleich alt wie die Hausfrau, um die 30 also. Günter Franzmeier bringt kein erotisches Knistern, sondern nur gute Onkelmanieren mit. Dem Hausherrn fehlen sie. Dirk Nocker poltert laut über das von Birkenstämmen gekrönte Schiffbodenpodest, das nacheinander einen Salon, Garten und Geräteschuppen ersetzen soll (Bühne Peter Loidolt). Die Darstellenden müssen sich immerzu drehen, um die Rundumsitzenden gleich gut zu bedienen. Da ist es schwer für den Zuschauer, Fixpunkte in den Gesten und Mienenspielen länger zu fassen. Ein Wortkonzert wie von Schnitzler oder Tschechow flutscht an ihnen vorbei. Aber was genau?

"Im Grunde genommen ist es gar keine Komödie, sondern eine Erzählung in dramatischer Form" schrieb Iwan Turgenjew 1855 auf das Titelblatt der ersten Druckfassung von "Ein Monat auf dem Lande". Zumeist wird das prosaisches Feinwerk feingewebter Dialoge mit den eigenen Seelen gestrichen, einer dramatischen Spannung geopfert. Achim Benning rettete es in seiner legendären Abschiedsinszenierung 1986 im Burgtheater mit Erika Pluhar. Beverly Blankenships Inszenierung 1998 in Reichenau ist vergessen.