"Der Ruf des Lebens" fiel 1906 in Berlin durch. Auch befreundete Kritiker rückten von Schnitzler ab. Zu viel Liebe und Blut? Der Rahmen, der Liebeskatastrophen und Gewalttaten im Chaos einer Truppen-Mobilmachung zusammenhält, ist vielleicht nur Legende: Vor 30 Jahren haben die "Blauen Kürassiere" ein Schlachtfeld verlassen und so die Niederlage des ganzen Heeres verschuldet.

Ihr heutiger Oberst will die Feigheit von damals mit dem Heldentod seiner ganzen Kompanie sühnen. Ein Irrwitz, der den Atem raubt. Eine härtere Attacke auf Ehrenschuld, Männerwahn und Waffenkult als im "Leutnant Gustl".

Als aktiver Sterbehelfer wagt sich ein humaner Arzt (ein Schnitzler-Alterego) weiter ins Kriminal vor als der "Professor Bernhardi". Auch das ein gesellschaftskritischer Kraftakt, für den das Publikum durch schauspielerische Höhenflüge entschädigt wird.

v. l. Sascha O.Weis, Toni Slama. - © FR/Dimo Dimov
v. l. Sascha O.Weis, Toni Slama. - © FR/Dimo Dimov

Das radikalliberale Kein-Genuss-Stück galoppiert so sprachlich-ebenmäßig und elegant über viele Problemfelder, das im Dialog des Arztes mit Maria, der verzeihbar schuldig gewordenen Hauptfigur, das Wort "Mord" störend heraussticht. Und nachgeschaut: Es steht nicht im Buch. Denn die Sprache des Arztes ist keine der Justiz. Der einzige Lapsus in der rundum imponierenden Inszenierung durch Helmut Wiesner! Der einstige Vormann der "Gruppe 80" zeigt die unwahrscheinlich-surreale Handlung verblüffend realistisch. Der nicht mit im Alltag verfügbaren Worten ausdrückbare Subtext rekurriert auf grundsätzliche philosophische Fragen - wie die Befriedigung von Trieben und Begehren im gesellschaftlichen Kontext von Moral, Ehre. Für Wiesners Realismus schuf der Maler und Intendant Peter Loidolt den richtigen Kontrasthintergrund mit Anleihen bei Kokoschka und Kirchner.

Eine kaum bekannte Junge spielt sich in die erste Reihe. Johanna Prosl ist Maria, die dem "Ruf des Lebens" aus ihrem Inneren in eine trügerische Freiheit folgt. Das Gesicht einer böhmischen Madonna, Anmut in Balance mit einer Kraft, die von innen kommt. Schmal und hoch im blauen Pflegerinnenkostüm von Erika Navas. Ausgefeilte Sprechkunst. Eine Entdeckung, die auch das Reichenauer Publikum begeisterte.

Maria entfernte sich von ihrem Verehrer, einem kaiserlichen Forstbeamten (Dominik Raneburger im Salonsteirer), als sie in der einzigen Ballnacht ihres Lebens für einen Leutnant entflammte. Dieser Max (David Jakob) erobert inzwischen die Gattin (Emese Fay) seines Obersts (Thomas Kamper). Der springt durch das Fenster herein und erschießt die Ungetreue. Maria ist nur eine Nacht mit Max vergönnt. Am Morgen erschießt er sich. Schüchtern, nachdenklich zeichnet René Peckl einen Offizier von Stande. Sascha Oskar Weis wirkt als Mediziner stark, indem er die Unscheinbarkeit des Dienenden hervorkehrt. Er reicht Maria das Fläschchen mit den Tropfen für Vaters ewigen Schlaf.

Der Forstadjunkt gesteht, Marias Vorgängerin Katharina "in den Abgrund" gestoßen zu haben. Im weißen Kleid irrt sie über Feld und Hag. Alina Fritsch als Ophelia vom Lande. Ihre zwei ebenfalls lungenkranken Schwestern sind ihr in den Tod vorausgegangen. Unheimlich gefasst Gabriele Schuchter als Mutter, die ihre Kinder verliert. Wenn Toni Slama als greiser Quäler seiner Tochter im Krankensessel laut wird, meint man Bernhard Minetti zu hören.