Leonidas und Amelie führen seit fast 20 Jahren ein scheinbar wohlgeordnetes Leben. Doch Leonidas hütet ein Geheimnis, eine lange zurückliegende außereheliche Beziehung, die er rückblickend als "wahre Ehe" seines Lebens ansieht. Ein unerwarteter Brief lässt ihn vermuten, dass er damals in Heidelberg, mit der Jüdin Vera einen Sohn gezeugt hat.

Franz Werfels Novelle "Eine blassblaue Frauenschrift" schildert, wie Leonidas, der es vom Hauslehrer in Amelies reichem Elternhaus Paradini zu ihrem Ehemann und zum Sektionschef im Unterrichtsministerium gebracht hat, mit dieser Situation umgeht. Seinen Aufstieg hat er vor allem einem Frack, den ihm ein Selbstmörder vermacht hat, und seinen Fähigkeiten als Walzertänzer zu verdanken.

Stefanie Dvoraks dunkelblaue Handschrift. - © Dimo Dimov
Stefanie Dvoraks dunkelblaue Handschrift. - © Dimo Dimov

Untergangsserenade

Die Festspiele Reichenau haben bereits 2002 eine Dramatisierung dieses Werfel-Textes präsentiert. Heuer steht eine neue Fassung von Nicolaus Hagg auf dem Spielplan, die darauf abzielt, dem Publikum deutlich einzubläuen, wie nahe dieses Österreich 1936 schon am Abgrund stand.

Österreich am Abgrund: Alexander Rossi, Fanny Stavjani. - © Dimo Dimov
Österreich am Abgrund: Alexander Rossi, Fanny Stavjani. - © Dimo Dimov

An der zu diesem Zweck von Hagg eingefügten Rolle von Amelies Bruder Paul Paradini dürfen sich die Geister scheiden. Darauf angesprochen, er habe den Bundeskanzler getroffen, erntet dieser Paul mit dem Satz "Ja, kurz" den größten und billigsten Lacher des Abends. Auf der von Peter Loidolt nur mit dem nötigsten Mobiliar eingerichteten Bühne fallen besonders je nach Schauplatz sich vorhangartig hebende oder senkende Schnüre mit Glaskugeln auf, die bei spärlicher Beleuchtung wie Seifenblasen aussehen - auch so lassen sich die Illusionen andeuten, die sich manche der handelnden Personen machen. Im Programmheft erhellt der Text "Der Fall Österreich" von Friedrich Heer gut die Bezüge zwischen dem Zusammenbruch des Staates und der Charakterlosigkeit der Männer.

Das als politische österreichische Eigenschaft kritisierte "Durchlavieren" trifft nämlich auch ganz auf die Hauptfigur zu. Dieser Leonidas ist keineswegs ein Held wie der gleichnamige König von Sparta, der einst an den Thermopylen gegen eine persische Übermacht kämpfte. Joseph Lorenz stellt ihn vielmehr brillant als einen Meister der Masken dar, hinter denen er sich immer wieder versteckt.

Als Amelie hat Fanny Stavjanik nicht nur Gelegenheit, attraktive Gewänder (Kostüme: Erika Navas) zu tragen, sondern vor allem in ihrem langen "Beichtmonolog" schauspielerisches Können und Emotionen zu zeigen. Dagegen darf Stefanie Dvorak nur als junge Vera Wormser gefühlvoll sein, dann tritt sie Leonidas ganz in Schwarz höflich, sachlich und letztlich mit kühler Verachtung gegenüber. Als Amelies Bruder Paul spielt Alexander Rossi dezent denjenigen, der Leonidas am ehesten durchschaut und Österreichs Untergang heranrücken sieht.

Vor der Vorstellung erinnerte das Reichenauer Intendantenpaar Peter und Renate Loidolt an den während der Proben verstorbenen Peter Matic, der den Minister Spittelberger spielen sollte. Thomas Kamper, der die Rolle kurzfristig übernommen hat, verleiht diesem Minister, der sich wegen seiner Herkunft vom Land selbst als Bauer bezeichnet, die nötige Bauernschläue. Der antisemitische Hofrat Skutecky, ein typischer österreichischer Beamter der 1930er Jahre, ist bei Peter Moucka in den besten Händen. Die Schauspieler zeigen in der Inszenierung von Julian Pölsler, der schon 1984 Axel Corti bei dessen Verfilmung der "blassblauen Frauenschrift" assistierte, keine Schwächen.

Wer Haare in der Suppe finden will, kann dies allenfalls bei der Auswahl der Musikbrücken zwischen den Szenen (Von "Ich hab mein Herz in Heidelberg" verloren bis zur Mondscheinsonate) tun. Angesichts der Wendungen dieses Theaterabends wirkt es wie ein effektvoller Weckruf an das Publikum, dass am Ende die Ouvertüre zur Freiheitsoper "Fidelio" erklingt. Langer, starker Premierenapplaus, vor allem für Publikumsliebling Joseph Lorenz.