Ein Glas Whisky am Abend mag Glamour sein. Eine Flasche Whisky in der Früh ist Elend. Das ist die nachhaltigste Moral von diesem Theaterabend in Reichenau. Nicolaus Hagg hat jenen Roman von F. Scott Fitzgerald für die Bühne bearbeitet, der auf unheimliche Weise das alkoholische Schicksal des Autors vorwegnehmen sollte.

"Die Schönen und Verdammten" (1922) beschreibt die Liebe, Ehe und das Zerbrechen von Anthony Patch und Gloria Gilbert, zweier schillernder Vertreter der Jazz Age im bebenden New York des beginnenden 20. Jahrhunderts. Partys, flirrender Jazz und Sophisticated-Sein sind ihr Lebensinhalt. Anthony kann sich nicht aufraffen, einen Beruf zu ergreifen, lieber wartet er, dass sein reicher Großvater endlich stirbt. Trügerische Hoffnung - der alte Mann, der als Verfechter der Prohibition so gar nichts anfangen kann mit dem Lebenswandel des Enkels, enterbt ihn. Der ohnehin schon verbitterten Ehe tut das auch nicht besonders gut.

Hagg verdichtet den 600-Seiten-Roman auf ein kurzweiliges, wenn auch risikoarmes Zweieinhalb-Stunden-Stück. Es muss einiges aus dem Originaltext weichen, die Erzählung bleibt aber rund. Großvater Adam Patch gerät in der Umgestaltung (noch) etwas grausam-griesgrämiger als bei Fitzgerald, aber Rainer Friedrichsen fängt das (mit Riff-Raff-Frisur) elegant ab. Daniel Jesch spielt den Dandy Anthony im freien Fall unaufgesetzt authentisch. Wanda Worch ist zwar viel sympathischer als die Gloria, die Fitzgerald beschreibt, aber als der Glanz ab ist und der Zobel der räudigen Strickjacke über dem Seidennegligee weichen muss, bringt sie die Wehrhaftigkeit der Hedonistin schön auf den Punkt. Ihre Freundin Muriel (gerade richtig überkandidelt: Johanna Arrouas) hat auch nur kurze Vernunft-Momente, bevor sie die Charleston-Takte übermannen und die ungedeckten Schecks wieder egal sind.

Es geht auch mit Verantwortung

Gerhard Roiss gibt dem Diener und Erben von Adam Patch eine Herablassung, die im Angesicht der fatalen Überheblichkeit Anthonys sowohl treffend als auch mitleiderregend ist. Tobias Voigt und Claudius von Stolzmann zeigen als Anthonys Freunde Dick und Maury, dass es auch möglich wäre, eine Entwicklung hin zu Verantwortungsbewusstsein zu machen - was Anthony ja nicht gelingt. Michael Gampes Regie zielt auf Hell-Dunkel-Effekte, setzt auf den Jahrgangssoundtrack und nützt den neuen Spielraum in Reichenau sehr weitgreifend. Die Bühne von Peter Loidolt - eine durchsichtige Silhouette des Chrysler-Buildings, das eigentlich erst nach jener Zeit, in der die Geschichte spielt, erbaut wurde - ist eine gute Idee, trennt das Spiel aber doch recht oft vom Publikum. Durchaus dem Pomp der Zeit gerecht werden die glitzernden Kostüme von Erika Navas.

Flachmann und Koksdöschen sind also nicht die besten Anker im Leben - auch wenn sich Anthony am Ende rühmt, alle, ob Freund ob Feind, überlebt zu haben. In völliger Umnachtung zwar. Aber überlebt.