Wieder einmal ist "Oper Klosterneuburg" die geradlinige Fortsetzung der Staats- und Volksopernsaison in den Sommer hinein. Da passt alles: Der Kaiserhof von Stift Klosterneuburg sorgt für die legere Freiluftatmosphäre, darüber kreisen ein paar Turmfalken, so gehört sich das. Und die Aufführung von Jacques Offenbachs "Hoffmanns Erzählungen" kann sich sehen und hören lassen.
Regisseur François de Carpentries bleibt angenehm nahe an der Handlung, dennoch kann von altmodisch keine Rede sein. Er schickt seinen Hoffmann auf eine Art Zeitreise von der Gegenwart ins 18. Jahrhundert und dann Schritt für Schritt wieder zurück. Glänzend! Weil diese Idee in das Hoffmann-Universum passt. Obendrein hat Carpentries eine Hand für die unheimliche Groteske. Der Olympia-Akt mit seinen unheimlichen Menschenautomaten und einer schockierenden Zertrümmerung der Olympia sucht seinesgleichen. Im Antonia-Akt ist die Erscheinung der Mutter von bizarrer Dämonie, den Venedig-Akt beherrscht eine riesige Spiegelwand, die mit ihren dunklen Reflexionen Schauer über den Rücken jagt. Hans Kudlich hat in seinen Bühnenbildern ganze Arbeit geleistet, Karine van Hercke setzt mit ihren bizarren Kostümen Akzente.

Gesteigerte Intensität

Dirigent Christoph Campestrini hat aus Offenbachs Fragment-Konvolut eine Klosterneuburger Fassung destilliert, die eine überschaubare Länge hat (die Aufführung dauert, inklusive Pause, etwa drei Stunden) und alle musikalischen Höhepunkte beinhaltet. Vor allem aber gibt sie Campestrini die Möglichkeit, die Intensität beharrlich zu steigern. Seine besessene Arbeit an Phrasierung, Rhythmus und instrumentaler Balance zahlt sich aus. Viele Nuancen der Partitur, ihre Abstiege in Bereiche des Unheimlichen und der Schilderung des Grausamen, meint man zum ersten Mal zu hören. Die dunkel leuchtenden Farben und die scharfkonturierten Details liefert ihm die Beethoven Philharmonie - und weil er weiß, wie man weite Spannungsbögen wölbt, braucht es kein Forcieren der Lautstärke, was wiederum den Sängern zugute kommt.

Makelloses Ensemble

Apropos: Zurab Zurabishvili ist ein großartiger Hoffmann, dem man Verzweiflung und Leidenschaft glaubt. Clemens Unterreiner verleiht den Bösewichten etwas Mephistophelisches, seine Spiegelarie ist ein Höhepunkt in der Verschmelzung von Schönheit und Dämonie. Hinreißend die Frauenrollen: Daniela Fally als groteske Olympia mit makellosen Koloraturen, Florina Ilie, die sich mit leuchtendem Sopran als Antonia zu Tode singt, und vor allem Eugenia Dushina, die als Giulietta Dekadenz und Verführung perfekt verkörpert. Margarita Gritskova als Nicklausse - da versteht man, dass in der Klosterneuburger Fassung diese Rolle aufgewertet ist, vielleicht auch, weil die Muse diesmal eine zwielichtigere Rolle spielen darf, als man es gewohnt ist. Regine Hangler (Antonias Mutter), Martin Mairinger (Spalanzani), Horst Lamnek (Crespel), Thomas Glenn (Cochenille und andere Rollen) komplettieren das Ensemble auf denkbar hohem Niveau. Lukas Johans Hermann und Schlemihl machen auf einen Sängerdarsteller von Format aufmerksam.
Womit "Oper Klosterneuburg" eine Modellaufführung in den Kaiserhof hievt: Nicht nur eine, die zeigt, wie Sommeroper aussehen kann, sondern vor allem eine, die zeigt, wie "Hoffmanns Erzählungen" gelingen kann.