Wer sich an Nestroys Stücke wagt, muss sich gleichermaßen um die politischen Verhältnisse wie um das Gaudium kümmern. Diese Balance finden nur wenige Aufführungen. Es ist daher nicht weiter verwunderlich, dass "Das Mädl aus der Vorstadt" bei den Schlossspielen Kobersdorf, dem Gebot des Sommertheaters folgend, deutlich in Richtung Entertainment kippt.

Die weitläufige Bühne im Arkadenhof des Renaissanceschlosses ist zuckerlbunt ausstaffiert, Bühnenbildner Erich Uiberlacker versteht es, mit den Bedingungen eines Freiluftbühnenbetriebs umzugehen: Alles ist effektvoll und auffällig, als besonderen Gag pflanzte er eine überdimensionierte Pfaff-Nähmaschine auf die Bühne. Gerti Rindler-Schantls Kostüme sind geschmackvoll-überzeichnet. Regisseurin Beverly Blankenship geizt nicht mit Pointen und Slapstick-Routinen, souverän führt sie das zwölfköpfige Ensemble durch die dreistündige Aufführung.

Eng umschlungen: Katharina Stemberger, Wolfgang Böck. - © Voglhuber
Eng umschlungen: Katharina Stemberger, Wolfgang Böck. - © Voglhuber

Im Zentrum des verwickelten Lustspiels rund um einen fingierten Einbruch stehen freilich Intendant Wolfgang Böck als Winkelagent Schnoferl und Wolf Bachofner als Spekulant Kauz. Das sind jene Rollen, die Nestroy sich und seinem Bühnenpartner Wenzel Scholz auf den Leib schrieb, die beiden sind als Komödianten-Duo in die Theatergeschichte eingegangen. So weit würde man bei Böck und Bachofner nicht gehen.

Nestroys Sprache beschränkt sich nicht auf Witz

Als gerissene Profis machen sie ihre Sache gewiss nicht schlecht, aber sie machen es sich zu einfach: Sie sprechen durchwegs im Wiener Idiom, das hat zwar etwas Authentisch-Sympathisches, steht aber diametral zur Nestroy-Rezeption, die sich dagegen wehrt, die hochartifizielle Kunstsprache auf den Wiener Schmäh zu reduzieren. Die Kunst von Nestroys Sprachbildern beschränkt sich nicht auf den Witz, es sind keine billigen Lebenslehren, vielmehr birgt sie eine analytische Kraft, fördert im Idealfall Denk- und Erkenntnisprozesse.

In Kobersdorf wird tagespolitische Kritik äußerst dezent angebracht, in den Couplets finden sich einige Hinweise auf die Ibiza-Affäre, verbunden mit Kritik an Ex-Bundeskanzler Sebastian Kurz, auch ein Hoch auf die Emanzipation wird angestimmt. Die Couplets, bei Nestroy-Inszenierungen ein weiterer Risikofaktor, sind in Kobersdorf ziemlich gut gelungen. Der junge Jazz-Musiker Christopher Haritzer hat sie zwar auf ein Minimum reduziert, was man zu hören bekommt, ist aber stimmig, zudem begleitet Haritzer als Instrumentalist (Akkordeon und Klarinette) durchgehend die Aufführung, sorgt bei den Slapstick-Orgien für den passenden Rhythmus und ist sich für keinen Gag zu schade: einmal ist er als Zwirnspule, ein anderes Mals als Gelse verkleidet. Sommertheater, das gute Laune verbreitet.