Wien.Das Pygmalion Theater befindet sich in der Alser Straße 43, im achten Wiener Gemeindebezirk. An der Fassade des stattlichen Gründerzeitgebäudes verweist nur ein kleines Schild auf die szenischen Umtriebe, der Eingang zur Kellerbühne befindet sich im Hinterhof. Foyer, Bar und der kleine Bühnenraum mit 40 Sitzplätzen sind komplett schwarz gehalten. Die klassische Black-Box, ein typisches Format vieler Kellerbühnen der Nachkriegsjahre, die meisten von ihnen haben längst aufgegeben. Nur das Pygmalion Theater hat sich gehalten. Dass es in der kommenden Spielzeit 25-Jahr-Jubiläum feiert, ist wohl das Verdienst des rührigen Intendanten Geirun Tino.

"Ich war im Widerstand"

"Wir bekommen keine Subventionen von Stadt oder Bund", mit dieser Erklärung eröffnet der 68-Jährige das Gespräch mit der "Wiener Zeitung", allenfalls der Bezirk lasse ab und zu etwas springen. Die Bühne finanziere sich, so Tino, vor allem über Kooperationen mit rumänischen, polnischen und russischen Kulturinstitutionen, auch gäbe es einen regen Tourneebetrieb, zudem führe der Intendant noch eine private Schauspielschule, das Pygmalion-Ensemble speise sich vor allem aus Absolventen und Schülern und die 40 Sitzplätze seien für gewöhnlich gefüllt.

Das Pygmalion Theater versteht sich als Brücke zu Ost- und Südosteuropa. Stücke aus diesem Kulturraum, die man sonst vergeblich in Wien sucht, werden hier regelmäßig gezeigt. Am 22. und 23. Juli ist "Striptease", ein Stück des polnischen Dramatikers Sławomir Mrożek zu sehen. Fallweise werden die Stücke sogar in der jeweiligen Landessprache gespielt, wie zum Beispiel "1. Aprilie", eine Komödie von Ion Luca Caragiale in rumänischer Sprache. Hierzulande ist der 1912 verstorbene Autor kaum bekannt, obwohl er zu den bedeutendsten rumänischen Dramatikern zählt, manche Kulturkritiker sehen in ihm gar einen Vorläufer des absurden Dramas.

Die Nähe zu Ost- und Südosteuropa mag biografisch bedingt sein: Geirun Tino kommt aus Rumänien, er ist 1950 in Braila geboren, der Vater Italiener, die Mutter Österreicherin, aus Tulln. Nach dem frühen Tod der Mutter wuchs er in Bukarest bei den Großeltern auf, wo er auch die Theater- und Filmakademie absolvierte.

Von 1974 bis 1985 mischte Tino das rumänische Bühnenleben auf: Seine Arbeiten wurden entweder hochgejubelt oder von der Zensur verteufelt. "Ich war so etwas wie ein Star der Branche", erinnert sich Tino. "Anfangs hat mir der Ruhm geholfen."

Aber schließlich wurde eine seiner Aufführungen verboten. Es folgten Entlassung und Strafversetzung in die Provinz, eine damals gängige Praxis, um aufwieglerischen Künstlern das Handwerk zu legen. "Ich zählte mich zu den Dissidenten, war im Widerstand zum kommunistischen System. Im Nachhinein betrachtet ein sinnloses Unterfangen, wir haben nichts bewirkt und uns nur viel Ärger eingehandelt." Tino wurde Oberspielleiter in Bacao und 1985 mit totalem Arbeitsverbot belegt. Letzter Ausweg: Die Flucht nach Österreich, wo er umgehend Asyl erhielt und von Verwandten mütterlicherseits aufgenommen wurde. Sein erstes Engagement führte ihn ins Vindobona am Wallensteinplatz: "Ich habe kaum etwas verdient, aber das war mir wurscht. Die Hauptsache war, dass ich wieder am Theater arbeiten konnte."

Die nächste Etappe war die Gründung der Theaterschule und 1995 die Eröffnung des Theater Pygmalion. Die leer stehenden Räumlichkeiten habe er zufällig entdeckt, zuvor war darin eine Sauna untergebracht. Der Name Pygmalion bezieht sich auf die griechische Mythologie, auf einen König, der sich so sehr in eine Statue verliebte, dass diese zum Leben erweckt wurde.

Der Spielplan stützt sich von Beginn an gleichermaßen auf Klassiker des 20. Jahrhunderts - von Kafka bis Dario Fo - sowie auf den kulturellen Austausch mit dem Balkan. Geirun Tino abschließend: "Wir werden nicht nachlassen, die Mythen der Gegenwart am Theater zu ergründen."