Keine Macht ohne Blutvergießen: Teng Huang in Johann Kresniks Tanztheater "Macbeth". - © Dieter Wuschanski
Keine Macht ohne Blutvergießen: Teng Huang in Johann Kresniks Tanztheater "Macbeth". - © Dieter Wuschanski

Im klinisch kahlen Raum stehen 14 Badewannen, Särge, aus denen die Toten steigen, in ihren Leichentüchern über die Bühne wanken. Mit einem Knall öffnet sich das riesige bronzene Tor im Hintergrund. Schon schleppt der Handlanger in schwarzer Soutane Blut und Eingeweide im Kübel heran, kippt die Reste in den Graben. Im Prolog hat Choreograf Johann Kresnik bereits alles vorweggenommen: Wer die Macht schmecken will, muss im Blut waten. Kresnik will nicht schockieren, ist weder zynisch noch frivol, will lediglich sichtbar machen, wie die Welt ist. Grausam, rücksichtslos und gierig. Erspart bleibt den Zuschauern nichts.

Geprägt ist Kresniks mörderischer Tanz von Gottfried Helnweins kongenialem Bühnenbild, seiner ersten Arbeit für das Theater. Die Bilder sind heute genauso grausig einprägsam wie bei der Uraufführung vor 30 Jahren, als die Zuseher mit den weißen Wannen an den ungeklärten Tod des Politikers Uwe Barschel erinnert worden sind. Heute ist diese Polit-Geschichte nicht mehr relevant, Kresniks Inszenierung bleibt aktuell, ist lebendig und faszinierend. Die alte schottische Mär wird zum Gleichnis für die brutalen Machtkämpfe aller Zeiten.

Die Droge Machtgier

Wie ein Baby, nackt und unschuldig, schläft Macbeth anfangs neben seinem Freund Banquo. Bis ihn die drei Hexen aus ihren Riesenbrüsten Blut saugen lassen und ihm die Droge der Machtgier einträufeln. Bis zum Ende sind sie hinter ihrem Opfer her. Macbeth’ Frau, die Lady, treibt ihn und sich selbst immer weiter in Misstrauen, Angst und Rausch.

Die Messer fliegen in die Wanne: Ene mene Muh und raus bist du. Was dann geschieht, spielt sich hinter dem Portal ab. Die Messer stecken als gleißendes Menetekel an der Bühnenrampe. Der schwarze Mann trägt die Kübel weg, schüttet das blutige Gekröse fast ins Publikum. Dazu lässt Komponist Kurt Schwertsik auf dem Klavier von vier Händen unbarmherzig hämmern. Die Pianisten, Bela Fischer jr. und Stefano Vasileiadis, haben das Geschehen immer im Blick, die Füße nahezu im Blutgraben. Vergeblich versucht Lady Macbeth, sich reinzuwaschen, Scham und Ekel stehen ihr bis zum Hals.

Mit radikaler Körpersprache und Mimik, magnetisch und schockierend zugleich, sind die Tänzerinnen und Tänzer von Tanzlin.z in extremen, akrobatischen Posen zu die scharf gezeichneten Charaktere. Unaufhörlich schleppt der Gottesmann seine Kübel an den Bühnenrand, es gibt nur noch die, die töten und die, die getötet werden. An der schwarzgedeckten Festtafel, an der auch die Hexen sitzen, erscheint Banquos Geist voll blutiger Wunden.

Endlich scheint es Erholung möglich: Vater, Mutter, Kinder im fröhlichen Spiel. Nur die übergroßen Möbel Helnweins lassen ahnen, dass die Idylle bedroht ist. Vier Männer in Weiß sehen lächelnd zu, an den Füßen tragen sie messerscharfe Klingen. Mitten im Ringelreihen fallen sie über die Familie her, schänden, foltern, töten. Dieser Realismus ist kaum zu ertragen, doch Kresnik erlaubt nicht, wegzuschauen.

Körperliche Energie

Das Ende naht, Lady Macbeth (Andressa Miyazato) hat Schlangen in den Händen, gibt sich selbst den Tod. Wenn Birnams Wald sich in Form schwarzer Pfähle vom Bühnenhimmel senkt, weiß auch Macbeth (Pavel Povraznik), dass er aufgeben muss. Schon haben ihm die Hexen (Kayla May Corbin, Tura Gómez Coll, Ruzuki Kanazawa) riesige Stiefel angezogen, er wird wieder zum Kind, als Wahnsinniger tanzt er sich in den Tod.

Die Leistungen der großartigen Compagnie Tanzlin.z, akrobatisch und ausdrucksstark in Solos, Pas de deux und stampfenden Gruppenauftritten, sind bewundernswert. Das Ensemble unter Mei Hong Lin ist die erste Kompanie eines Landestheaters, die im Rahmen von ImPulsTanz auftritt. Dass die Meisterleistung an körperlicher Energie und Ausdruckskraft auch in Wien bejubelt worden ist, wundert nicht. Nach dem frenetischen Schlussapplaus, darf sich das Publikum auch über eine Ehrung für Johann Kresnik freuen: Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler überreicht dem Künstler, der seit 25 Jahren immer wieder mit dem Impulstanz Festival zusammenarbeitet, das Goldene Verdienstzeichen des Landes Wien.